Ich habe mir die gestrige Sendung von Caren Miosga mit Tino Chrupalla nicht angesehen. Nicht aus Desinteresse, sondern aus Widerwillen. Ich habe das Gefühl, dass ARD und ZDF seit Jahren glauben, sie müssten der AfD immer wieder die ganz große Bühne bieten – in der Hoffnung, man könne sie „entzaubern“. Das Gegenteil ist der Fall.
Diese Sendung war kein Ausrutscher. Sie war ein weiterer Höhepunkt einer fatalen Entwicklung, nämlich der fortgesetzten Normalisierung einer Partei, die demokratische Institutionen verachtet und unseren Staat fundamental umbauen will.
Was soll das bringen – außer Quote?
Unweigerlich fragt man sich: Was genau wollen ARD und ZDF mit solchen Sendungen erreichen? Erkenntnisgewinn? Oder doch nur Aufmerksamkeit und Quote?
In einem normalen Talkshow-Setting oder einem klassischen Interview können sich Chrupalla und seine Parteifreund:innen bequem einrichten. Sie reden sich heraus, weichen aus, verdrehen Tatsachen, relativieren, provozieren und profitieren davon, dass ihnen meist nur halbherzig widersprochen wird. Das ist kein Zufall, sondern ein strukturelles Problem solcher Formate.
Wer die AfD journalistisch ernsthaft stellen will, darf ihr nicht die Komfortzone überlassen. Man muss sie festnageln. Mit Fakten. Mit Widersprüchen. Mit Nachfragen, die nicht loslassen. Dann geraten sie ins Schwimmen. Alles andere ist kostenlose PR.
Die anschließenden Faktenchecks im Internet sind zwar gut gemeint, aber wirkungslos. Der Schaden ist dann längst entstanden. Die Bilder, Sätze und Relativierungen sind bereits im Kopf.
Ein Titel, der an Zynismus kaum zu überbieten ist
„Ist Trump ein Vorbild für Deutschland, Herr Chrupalla?“ Diese Frage ist nicht nur naiv, sondern auch zynisch. Angesichts dessen, was Donald Trump getan hat und was derzeit in den USA geschieht, wirkt sie wie eine groteske Verharmlosung.
Natürlich ist Trump ein Vorbild für die AfD. Was denn sonst?
Er steht für autoritäres Durchregieren, für die Verächtlichmachung von Medien, für den Angriff auf unabhängige Institutionen und für das systematische Spalten der Gesellschaft. Genau das will die AfD auch. Sie sagt es nicht immer offen, aber oft genug deutlich genug.
ICE als Blaupause – auch für Deutschland
Die AfD bewundert Trumps Politik nicht nur rhetorisch. Sie will ähnliche Instrumente auch hierzulande einführen. Beispielsweise Abschiebebehörden mit Sonderrechten. Sie will einen Staat, der härter, kälter und autoritärer wird. Einen Staat, der nicht schützt, sondern aussortiert.
Das habe ich letzte Woche in meinem Blogbeitrag über Trumps ICE angesprochen. Wer hinschaut, erkennt die Parallelen sofort. Es geht nicht nur um „Migration“. Es geht um Macht. Um Kontrolle. Um das gezielte Mundtotmachen politischer Gegner – und perspektivisch auch um deren Ausgrenzung oder gar Abschiebung.
Öffentlich-rechtlich heißt nicht neutral um jeden Preis
ARD und ZDF haben einen Auftrag. Dieser besteht jedoch nicht darin, jede demokratiefeindliche Position mit maximaler Höflichkeit zu behandeln. „Öffentlich-rechtlich” bedeutet nicht, antidemokratische Akteure auf Augenhöhe zu adeln, während man so tut, als handele es sich um ganz normale politische Angebote.
Wer ständig fragt, ob Trump ein Vorbild sei, statt klar zu benennen, dass er eines für die AfD ist – und warum –, verfehlt diesen Auftrag.
Wir brauchen keinen weiteren Talk, in dem sich AfD-Politiker ungestört inszenieren dürfen. Wir brauchen Journalismus, der nicht nur moderiert, sondern konfrontiert. Der nicht nur zuhört, sondern widerspricht. Journalismus, der nicht auf Quote schielt, sondern Verantwortung übernimmt.
Denn was hier gerade normalisiert wird, ist alles andere als normal.
Lorenzo
PS: Du darfst diesen Blogbeitrag hier mit den nachfolgenden Buttons gerne teilen:


Ich denke nicht, das das Quote gebracht hat, Ein paar meiner Kollegen so wie ich auch haben ab- oder umgeschaltet.
Warum? Einfach zu beantworten: Es langweilt und nervt. Hier in Brandenburg verliert die AfD langsam an Anhängern- weil sie soviel Dummschwätz betreiben- so schlimm, das es alle merken: wollten doch diese Hirnakrobaten die Präsenzpflicht gegen eine Unterrichtspflicht im Land Brandenburg tauschen…
Corona ist noch nicht lange durch und ALLE (bis auf die AfD) haben gemerkt, das online Learning nur sehr begrenzt funktioniert, je jünger die Kinder um so schlechter. Ganz abgesehen von Konfliktunfähigkeit und mangelndem Sozialverhalten…
Auch der Hang zu den USA macht hier im Osten nicht wirklich beliebt- wo Trump als gefährlicher Irrer gilt.
Muss man sich das ansehen? Ich denke nicht. Also aus die Kiste. Achso- ich habe übrigens bei uns nicht die Fernbedienung in der Hand- abgeschaltet hat die Frau an meiner Seite- es langweilt sie und sie erträgt diese Menge meiner sarkastisch- ironischen Kommentare nicht, des öfteren hatte sie davon schon „Lachmuskelkater“.
Lieber Wolf,
danke dir für deinen Kommentar und den Einblick aus Brandenburg. Dass die AfD dort offenbar an Zustimmung verliert, weil ihr eigenes Gerede immer offensichtlicher wird, finde ich ehrlich gesagt ermutigend. Gerade Beispiele wie die Idee, die Präsenzpflicht gegen die „Unterrichtspflicht“ auszutauschen, zeigen sehr plastisch, wie realitätsfern und kurzsichtig diese Partei oft agiert. Da muss man nicht lange argumentieren, das erledigt sich fast von selbst.
Dass viele bei solchen Sendungen abschalten, kann ich gut nachvollziehen. Langeweile und Genervtheit sind wahrscheinlich die häufigste Reaktion. Gleichzeitig frage ich mich aber, ob genau das nicht Teil des Problems ist: Wer abschaltet, überlässt am Ende doch wieder denen die Bühne, die am lautesten reden – auch wenn sie inhaltlich wenig zu bieten haben.
Dein Hinweis auf die USA ist interessant. Wenn Trump im Osten Deutschlands eher als gefährlicher Irrer wahrgenommen wird, zeigt das, dass diese vermeintliche Vorbildrolle längst nicht überall zieht. Umso absurder wirkt dann eine Titelfrage wie die von Miosga.
Und was deine Frau betrifft, ich musste schmunzeln. Lachmuskelkater durch sarkastisch-ironische Kommentare ist immerhin eine der sympathischeren Nebenwirkungen politischer Talkshows. 😉
Danke dir fürs Teilen deiner Perspektive.
Viele Grüße
Lorenzo