Zwischen „Debakel“ und Realität: Warum wir jetzt bitte mal die Kirche im Dorf lassen sollten

Gestern ist der olympische Traum unserer Eishockey-Männer geplatzt. Wenn man sich heute durch die Schlagzeilen klickt, könnte man meinen, die Nationalmannschaft habe sich bis auf die Knochen blamiert. „Krachendes Debakel“, „Eishockey-Debakel“ – ganz ehrlich: Bei solchen Formulierungen bekomme ich Aggressionen.

Ja, wir sind raus. Ja, das war nicht die Leistung, die wir uns alle erhofft hatten. Aber ein Debakel? Bitte.

Symbolbild: Eishockey
Symbolbild: Eishockey

Realität statt Drama

Unsere Nationalmannschaft war nie Topfavorit auf Gold. Nicht wie Kanada, nicht wie die USA, nicht wie Schweden. Damit wir bei Olympia ganz oben mitspielen, muss bei uns schlichtweg alles passen: Form, Fitness, Defensive, Chancenverwertung, Teamchemie – und auch ein bisschen Spielglück.

Dieses Mal hat es eben nicht komplett gepasst. Das ist bitter, aber kein Weltuntergang.

Gerade im deutschen Sport neigen wir dazu, alles in Extreme zu packen: Entweder „Sommermärchen“, „Wintermärchen“ oder „Totalausfall“. Dazwischen scheint es nichts zu geben. Aber Sport ist doch kein Hollywood-Drehbuch!

Leon Draisaitl ist nicht das Problem

Leon Draisaitl steht heute besonders im Fokus. Als einer unserer NHL-Stars trägt er automatisch eine große Erwartungshaltung mit sich herum. Ihn jetzt jedoch zum Sündenbock zu machen, ist schlichtweg falsch.

Im Angriff war er einer der Aktivposten. Er hat Chancen herausgearbeitet, hart gearbeitet und Verantwortung übernommen. Dass es am Ende nicht gereicht hat, lag sicher nicht daran, dass er sich versteckt hätte.

Eishockey ist ein Teamsport. Wenn etwas nicht funktioniert, dann liegt das selten an einem einzelnen Spieler.

„Löchrig wie ein Schweizer Käse“

Moritz Müller hat es nach dem Spiel treffend formuliert: Die Abwehr war „löchrig wie ein Schweizer Käse“. Deutlicher kann man es kaum sagen.

Aber es greift zu kurz, nur auf die Defensive zu zeigen. Wenn die Abstimmung zwischen Angriff und Verteidigung nicht stimmt, die Rückwärtsbewegung zu langsam ist und Zweikämpfe verloren gehen, dann ist das ein Problem der gesamten Mannschaft.

Die Slowaken – das muss man anerkennen – haben genau das eiskalt ausgenutzt. Sie waren konsequenter, kompakter und haben unsere Fehler bestraft.

Erwartungen, die uns selbst im Weg stehen

Vielleicht liegt das eigentliche Problem gar nicht auf dem Eis, sondern auf unseren Tribünen beziehungsweise in unseren Köpfen.

Seit dem Silber-Coup im Jahr 2018 sind die Erwartungen massiv gestiegen. Und das ist ja auch schön! Es zeigt, dass Eishockey in Deutschland an Stellenwert gewonnen hat.

Aber wir dürfen nicht vergessen, dass solche Turniere Ausnahmesituationen sind. Dass 2018 alles zusammenlief, war großartig, aber eben auch besonders. Man kann nicht davon ausgehen, dass sich Geschichte wiederholt.

Kritik ja – aber bitte mit Maß

Kritik gehört zum Sport dazu. Analysen auch. Man darf Dinge klar benennen. Die Defensive war zu anfällig. Die Abstimmung hat nicht gepasst. Die Balance zwischen Offensive und Defensive stimmte nicht.

Aber ein „Debakel“? Das ist maßlos überzogen.

Wir sprechen hier von einer Mannschaft, die gekämpft und Verantwortung übernommen hat und die sicherlich selbst am meisten unter diesem Ausscheiden leidet.

Vielleicht wäre es angebracht, nicht sofort mit dem verbalen Vorschlaghammer draufzuhauen, sondern die Leistung realistisch einzuordnen. Es war einfach nicht gut genug für ganz oben. Punkt. Aber es war auch kein Untergang des deutschen Eishockeys.

Manchmal passt es eben nicht. Und manchmal gewinnt einfach der Gegner, weil er es an diesem Tag besser gemacht hat. Und genau das ist Sport.

Lorenzo

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2 Kommentare

  1. Deutschland war an diesem Turnier sicher weniger eine Einheit als bei früheren Turnieren. Vielleicht war auch das Gefälle zwischen den Stars aus der NHL und den DHL-Spielern grösser als auch schon? Klar ist, dass D aktuell so viele höchst attraktive und starke NHL-Spieler hat wie wohl nie zuvor (Draisaitl, Seider, Stützle sind überragend, mit Samanski startet gerade einer eine vielversprechende Karriere). Aus der Schweiz beobachtet staune ich immer wieder, welch komisches Verhältnis die deutsche Sportöffentlichkeit zum Superstar Draisaitl hat. Dabei hat er in seinem Sport in den USA den gleichen Stellenwert wie es Dirk Nowitzki im Basketball hatte.
    Deutschland und die Schweiz haben den Anschluss an die Topnationen im Eishockey geschafft, und ein schlechteres Turnier wird den Trend nicht gleich brechen. Unsere Breite und Tiefe kann einfach gar nicht gleich gut sein. Freut Euch über Eure tollen Exponenten in diesem herrlichen Sport!
    Und womöglich werden die Slowaken nochmals beweisen, dass sie vor allem so gut sind dieses Mal, und nicht Deutschland so schlecht.

    1. Lieber Sechser,

      vielen Dank für deinen differenzierten Blick, insbesondere aus Schweizer Perspektive. Genau diese Einordnung fehlt mir in der aktuellen Diskussion.

      Der Punkt mit der fehlenden Einheit ist spannend. Vielleicht war das Gefüge tatsächlich nicht so homogen wie bei früheren Turnieren. Und ja, das Gefälle zwischen NHL-Topstars und DEL-Spielern könnte größer gewesen sein als früher. Das ist Fluch und Segen zugleich: Einerseits haben wir so viele überragende Spieler in der NHL wie nie zuvor, andererseits entsteht daraus nicht automatisch ein funktionierendes Kollektiv.

      Was du über Leon Draisaitl schreibst, unterschreibe ich sofort. Sein Stellenwert in Nordamerika ist enorm und in etwa mit dem von Dirk Nowitzki im Basketball vergleichbar. Umso erstaunlicher ist es, wie kritisch er hierzulande teilweise gesehen wird. Vielleicht liegt es an der typisch deutschen Erwartungshaltung gegenüber Superstars: Wer überragend ist, muss immer überragend sein.

      Dein letzter Punkt ist mir besonders wichtig: Deutschland – genauso wie die Schweiz – hat sich in den letzten Jahren an die Topnationen herangearbeitet. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Unsere Breite wird nie die Tiefe Kanadas oder der USA erreichen. Deshalb müssen bei uns viele Faktoren gleichzeitig passen.

      Vielleicht beweisen die Slowaken tatsächlich noch, dass sie in diesem Turnier stark sind und wir schwach.

      Am Ende ist genau das der richtige Blickwinkel. Trend vor Einzelergebnis.

      Sportliche Grüße
      Lorenzo

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