Reformpaket der Bundesregierung: Misstrauen ist keine Gesundheitspolitik

Die Bundesregierung hat gestern ihr neues Reformpaket vorgestellt. Darin steckt vieles, worüber man diskutieren kann. Eine Maßnahme sticht für mich jedoch besonders heraus: Die telefonische Krankschreibung soll abgeschafft werden, sodass künftig bereits am ersten Krankheitstag eine ärztliche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung erforderlich ist.

Noch sind das lediglich angekündigte Pläne, die erst den parlamentarischen Weg gehen müssen. Trotzdem zeigen sie die Richtung, in die gedacht wird. Und ehrlich gesagt halte ich das für einen schlechten Witz.

Symbolbild: Bundestag

Das Menschenbild hinter diesen Plänen

Was mich an der Debatte am meisten stört, ist das zugrunde liegende Menschenbild. Wieder einmal entsteht der Eindruck, Beschäftigte seien vor allem eines: zu faul und zu oft krank.

Dieses Narrativ begegnet uns seit Monaten immer wieder. Es wird suggeriert, die Menschen würden sich mit Krankschreibungen zusätzlichen Urlaub gönnen und deshalb müsse der Staat härter durchgreifen. Ich halte das für grundlegend falsch.

Die allermeisten Menschen gehen arbeiten, obwohl sie häufig längst eine Pause bräuchten. Viele schleppen sich mit Erkältungen, Rückenschmerzen oder Erschöpfung zur Arbeit, weil sie ihre Kolleg:innen nicht im Stich lassen wollen oder Nachteile befürchten. Wer behauptet, Deutschland habe vor allem ein Problem mit „faulen Beschäftigten”, macht es sich zu einfach.

Volle Wartezimmer helfen niemandem

Beim Blick auf die geplante Abschaffung der telefonischen Krankschreibung wird es für mich noch unverständlicher. Gerade diese hat sich in den vergangenen Jahren bewährt. Sie entlastet Arztpraxen, erspart Patient:innen unnötige Wege und verhindert, dass Menschen mit ansteckenden Infektionen stundenlang im Wartezimmer sitzen. Genau deshalb wurde sie dauerhaft eingeführt. Dabei entscheiden Ärzt:innen ohnehin selbst, ob eine telefonische Krankschreibung im Einzelfall vertretbar ist. Sie ist also keineswegs ein Freifahrtschein.

Wenn diese Möglichkeit wegfällt und gleichzeitig alle bereits am ersten Krankheitstag in die Praxis müssen, stellt sich die Frage: Wie soll das funktionieren? Hausarztpraxen arbeiten vielerorts schon heute am Limit. Mehr Menschen im Wartezimmer bedeuten längere Wartezeiten, mehr Bürokratie und mehr Stress für medizinische Fachangestellte und Ärzt:innen. Gleichzeitig steigt das Risiko, dass sich andere Patient:innen dort mit Infektionskrankheiten anstecken. Das ist keine Verbesserung des Gesundheitssystems. Das ist das genaue Gegenteil.

Arbeiten trotz Krankheit?

Es gibt jedoch noch ein weiteres Problem. Wenn man weiß, dass für einen einzigen Krankheitstag sofort ein Arzttermin nötig ist, überlegt man es sich vielleicht zweimal, ob man überhaupt zu Hause bleibt. Dann geht man eben doch mit Fieber, einer Magen-Darm-Erkrankung oder einer starken Erkältung zur Arbeit.

Die Folge? Kolleg:innen stecken sich an, Krankheiten verbreiten sich schneller und am Ende fallen womöglich noch mehr Menschen aus. Der vermeintliche Kampf gegen hohe Krankenstände könnte somit das Gegenteil bewirken.

Symbolpolitik statt Ursachenbekämpfung

Natürlich gibt es hohe Krankenstände. Darüber muss gesprochen werden. Die entscheidende Frage lautet jedoch: Warum?

Steigende psychische Belastungen, Personalmangel, Arbeitsverdichtung, schlechte Arbeitsbedingungen oder eine alternde Gesellschaft lassen sich nicht dadurch lösen, dass man den Beschäftigten misstraut.

Wer wirklich etwas verändern möchte, muss genau dort ansetzen: bessere Arbeitsbedingungen schaffen, Prävention stärken, die Gesundheitsversorgung verbessern und die Beschäftigten entlasten. Stattdessen wird wieder nur an den Symptomen herumgedoktert.

Mein Fazit

Meiner Meinung nach sendet dieses Reformpaket vor allem eine Botschaft: „Wir vertrauen euch nicht.” Dieses Signal halte ich für falsch. Eine moderne Gesundheitspolitik sollte Menschen unterstützen, wenn sie krank sind, statt ihnen zusätzliche Hürden in den Weg zu stellen. Außerdem sollte sie Arztpraxen entlasten, statt sie mit vermeidbaren Besuchen weiter zu überlasten.

Misstrauen macht niemanden gesünder. Es sorgt allenfalls für vollere Wartezimmer, mehr Bürokratie und am Ende möglicherweise sogar für mehr kranke Menschen am Arbeitsplatz. Das kann doch wirklich niemand ernsthaft für eine gute Idee halten.

Lorenzo

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