Es gibt Nachrichten, bei denen einem die Worte fehlen.
Was vorgestern in Stade passiert ist, macht mich fassungslos. Sechs Menschen haben ihr Leben verloren. Sechs Menschen, die Familien, Freund:innen, Kolleg:innen und andere Menschen zurücklassen, die sie geliebt haben. Mein tiefstes Mitgefühl gilt allen Angehörigen und allen, die dieses unfassbare Verbrechen verarbeiten müssen.
Kaum sind die ersten Meldungen da, beginnt der Hass
Kaum waren die ersten Meldungen veröffentlicht, passierte leider etwas, das inzwischen fast genauso vorhersehbar wie erschreckend ist.
In den sozialen Netzwerken tauchten sofort Menschen auf, die glaubten, bereits zu wissen, wer die Schuld trägt. Ohne gesicherte Informationen wurden Behauptungen verbreitet. Es wurde gehetzt, verurteilt und Stimmung gemacht. Nach dem altbekannten Motto:
„Sowas passiert nur, weil wir Ausländer beziehungsweise Menschen mit Migrationshintergrund im Land haben.“
Nein, genau das zeigen die bisherigen Ermittlungen nicht. Nach aktuellem Stand gehen die Ermittlungsbehörden davon aus, dass ein Sorgerechtsstreit das mutmaßliche Motiv ist. Solche Konflikte sind tragisch und können eskalieren – unabhängig von Herkunft, Nationalität oder Religion.
Herkunft sagt nichts über einen Menschen aus
Ich mag den Begriff „Migrationshintergrund“ übrigens überhaupt nicht. Er klingt für mich so, als würde man Menschen dauerhaft in „wir“ und „die anderen“ einteilen. Dabei leben viele dieser Menschen seit ihrer Geburt hier und sind längst Teil unserer Gesellschaft. Und noch etwas sollten wir uns ehrlich eingestehen: Auch wir Deutschen sind nicht besser.
Schwere Gewalttaten werden jeden Tag von Menschen unterschiedlichster Herkunft begangen. Wenn ein deutscher Täter ein Verbrechen begeht, käme niemand auf die Idee zu behaupten, alle Deutschen seien deshalb gefährlich. Warum machen manche also genau das, sobald ein Täter einen ausländisch klingenden Namen hat? Diese Doppelmoral geht mir gewaltig gegen den Strich.
Die Opfer sollten im Mittelpunkt stehen
Für manche Menschen scheint die Herkunft eines Täters oft wichtiger zu sein als die Opfer. Anstatt Mitgefühl zu zeigen, werden politische Narrative bedient und Vorurteile bestätigt. Dabei geraten genau die Menschen in den Hintergrund, um die es eigentlich gehen sollte. Mich macht das traurig.
Nicht nur wegen der schrecklichen Tat selbst, sondern auch wegen der Geschwindigkeit, mit der Hass und Falschinformationen verbreitet werden. Oft dauert es nur wenige Minuten, bis selbsternannte Expert:innen glauben, den Fall bereits vollständig erklären zu können.
Erst die Fakten, dann die Meinung
Vielleicht sollten wir einfach wieder lernen, erst einmal abzuwarten. Die Polizei ermittelt. Die Fakten kommen nach und nach ans Licht. Und manchmal zeigen diese eben, dass die vorschnellen Behauptungen komplett danebenlagen.
Was in Stade passiert ist, war ein furchtbares Verbrechen. Mehr muss man daraus zunächst nicht machen. Lasst uns lieber an die Menschen denken, die ihr Leben verloren haben, und an ihre Angehörigen. Sie verdienen unser Mitgefühl. Nicht unseren Hass.
Lorenzo
PS: Du darfst diesen Blogbeitrag hier mit den nachfolgenden Buttons gerne teilen:

