Am vergangenen Samstag hat der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) in Baden-Baden den Ort für die Bewerbung Deutschlands um die Olympischen und Paralympischen Spiele 2036, 2040 oder 2044 festgelegt. Die Entscheidung fiel zugunsten von München.
Doch während bei der Abstimmung über die Zukunft der Olympischen Spiele entschieden wurde, gab es etwas, das mich wirklich geärgert hat. Die paralympischen Verbände durften nicht mit abstimmen. Und das, obwohl es bei der Bewerbung ausdrücklich auch um die Paralympics geht.
Für mich ist das ein Unding. Und die anschließende Diskussion im ZDF-Sportstudio hat meinen Eindruck leider nicht verbessert.
Paralympics ja, Mitbestimmung nein?
Es ist durchaus bemerkenswert, dass sich Deutschland um die Ausrichtung Olympischer und Paralympischer Spiele bewerben möchte. In den Konzepten wird selbstverständlich auch die Bedeutung des paralympischen Sports hervorgehoben. Inklusion und Teilhabe gehören schließlich zu den großen Versprechen einer solchen Bewerbung.
Doch wenn wichtige Entscheidungen getroffen werden, bleiben ausgerechnet die Vertreter:innen des paralympischen Sports außen vor. Am Samstag durften die 42 olympischen Spitzenverbände sowie die stimmberechtigten Mitglieder des DOSB über den deutschen Bewerber abstimmen. Die paralympischen Verbände waren nicht dabei. Wie passt das bitte zusammen?
Wenn wir von Inklusion und gleichberechtigter Teilhabe sprechen, müssen wir diese Grundsätze auch konsequent umsetzen. Es reicht nicht aus, Menschen mit Behinderungen bei großen Sportveranstaltungen eine Bühne zu geben. Sie müssen auch bei Entscheidungen, die ihre Interessen betreffen, einbezogen werden.
Mir ist bewusst, dass der DOSB eigene Satzungsregelungen hat. Aber genau deshalb müssen wir darüber sprechen, ob diese noch zeitgemäß sind.
Thomas Weikerts ausweichende Antwort im ZDF
Ich fand den Auftritt von DOSB-Präsident Thomas Weikert im ZDF-Sportstudio am Samstag besonders enttäuschend. Auf die Frage nach dem Ausschluss der paralympischen Verbände verwies er lediglich auf die Satzung. Darin würden die Paralympik:innen nicht ausdrücklich erwähnt. Außerdem habe bislang niemand eine entsprechende Änderung vorgenommen.
Das mag formal eine Erklärung sein. Für mich ist es allerdings keine überzeugende Antwort auf die eigentliche Frage. Wenn eine Satzung nämlich dazu führt, dass wichtige Interessengruppen bei einer solchen Entscheidung nicht mitbestimmen dürfen, sollte man sie dringend überprüfen und gegebenenfalls ändern.
Von einem Sportverband, der sich für Olympische und Paralympische Spiele bewirbt, erwarte ich, dass er sich auch mit solchen Fragen auseinandersetzt. Schließlich geht es nicht nur um die Organisation eines sportlichen Großereignisses, sondern auch um die Werte, die damit verbunden sein sollen.
Eine Satzung ist schließlich kein Naturgesetz. Sie lässt sich ändern, wenn der entsprechende Wille dazu vorhanden ist.
Warum saß eigentlich kein:e Paralympionik:in in der Gesprächsrunde?
Noch etwas hat mich an der Sendung gestört, nämlich die Zusammensetzung der Gesprächsrunde: Mit Thomas Weikert, Michael Mronz, Ronald Rauhe und der Ruderin Pia Greiten waren zwar verschiedene Perspektiven vertreten. Aber warum wurde eigentlich kein:e Paralympionik:in eingeladen?
Gerade nach der Diskussion über den Ausschluss der paralympischen Verbände wäre es doch naheliegend gewesen, auch die Betroffenen selbst zu Wort kommen zu lassen. Stattdessen wurde wieder einmal über Menschen mit Behinderungen gesprochen, anstatt ihnen selbst eine Stimme zu geben.
Das ist ein Problem, das wir nicht nur im Sport kennen. Auch in der Politik und im gesellschaftlichen Alltag werden Entscheidungen häufig getroffen, ohne diejenigen ausreichend einzubeziehen, die unmittelbar davon betroffen sind. Dabei gilt für mich ein einfacher Grundsatz: „Nicht über uns ohne uns!”
Ich hätte gerne die Meinung eine:r paralympischen Athlet:in zur Entscheidung des DOSB gehört. Welche Erwartungen gibt es an die Bewerbung? Welche Verbesserungen wären aus Sicht der Sportler:innen notwendig?
Und wie wichtig ist ihnen die Möglichkeit, bei solchen Entscheidungen mitzureden? Das wären spannende Fragen gewesen. Leider wurde diese Gelegenheit im ZDF nicht genutzt.
Inklusion darf keine bloße Werbebotschaft sein
In den vergangenen Monaten habe ich mich bereits ausführlich mit den Paralympics und der Förderung von Menschen mit Behinderung im Sport befasst. Dabei ist mir erneut deutlich geworden, wie viel noch getan werden muss.
Es geht nicht nur um Trainingsmöglichkeiten, finanzielle Unterstützung oder barrierefreie Sportstätten. Es geht auch um Anerkennung und gleichberechtigte Beteiligung. Wenn Deutschland Olympische und Paralympische Spiele ausrichten möchte, sollte es deshalb bereits im Bewerbungsprozess zeigen, dass es Inklusion ernst nimmt.
Dazu gehört für mich selbstverständlich, dass die paralympischen Verbände bei Entscheidungen, die den paralympischen Sport betreffen, angemessen beteiligt werden. Auch die Perspektiven der Athlet:innen müssen stärker berücksichtigt werden.
Ich möchte ausdrücklich betonen, dass ich die Bewerbung nicht grundsätzlich infrage stelle. Eine solche Bewerbung sollte jedoch auch Anlass sein, bestehende Strukturen zu hinterfragen und zu verbessern. Und genau dafür bietet sich jetzt eine Gelegenheit.
Der DOSB muss handeln
Ich erwarte vom DOSB, dass er die fehlende Mitbestimmung der paralympischen Verbände nicht einfach mit einem Verweis auf die Satzung abtut. Wenn die Satzung an dieser Stelle nicht ausreicht, muss sie geändert werden – und zwar möglichst schnell. Und das sollte möglichst schnell geschehen.
Es wäre ein wichtiges Signal, wenn der DOSB die paralympischen Verbände künftig selbstverständlich in Entscheidungsprozesse einbeziehen würde. Nicht nur, wenn es um die Außendarstellung geht, sondern auch, wenn tatsächlich wichtige Entscheidungen getroffen werden.
Auch das ZDF hätte ein Zeichen setzen können. Eine Gesprächsrunde mit einem/einer paralympischen Athlet:in hätte die Diskussion bereichert und den Betroffenen eine Stimme gegeben.
Ich wünsche mir, dass wir endlich aufhören, Inklusion nur auf dem Papier zu feiern. Sie muss im Alltag gelebt werden – auch in den großen Sportverbänden und den Medien. Denn wer von gleichberechtigter Teilhabe spricht, sollte auch bereit sein, sie zu ermöglichen.
Für mich bedeutet Inklusion nicht, Menschen mit Behinderungen einfach mitzunehmen. Es bedeutet, ihnen die Möglichkeit zu geben, selbst mitzuentscheiden.
Lorenzo
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Sehe ich auch so, dass die naheliegendste nächste Aktion sein muss, dass die Satzung geändert wird. Und dass nächstes Mal Paraolympionik:innen bei solchen Gesprächen anwesend sind. Wer nicht repräsentiert wird, bekommt auch kein Gehör, leider.
Liebe Grüße und danke für den Einblick!
Angela
Danke dir, Angela! ❤️ Genau so sehe ich es auch. Für mich ist es selbstverständlich, dass Menschen mit Behinderungen von Anfang an bei solchen Gesprächen mit am Tisch sitzen – und nicht erst hinterher darüber gesprochen wird, was angeblich gut für uns ist.
Eine Änderung der Satzung wäre dafür sicherlich ein wichtiger Schritt. Gerade bei einer möglichen Olympia- und Paralympics-Bewerbung sollte man diejenigen einbeziehen, um die es bei der Inklusion ganz konkret geht. Paraolympionik:innen und andere Menschen mit Behinderungen gehören einfach dazu.
Deinen Satz „Wer nicht repräsentiert wird, bekommt auch kein Gehör“ finde ich deshalb ziemlich treffend. Genau darum geht es für mich letztlich: nicht über uns reden, sondern mit uns.
Liebe Grüße
Lorenzo