Tag der unsichtbaren Behinderungen: Man sieht nicht alles, was Menschen durchmachen

Heute, am 20. Oktober, ist der Tag der unsichtbaren Behinderungen. Ein Tag, der auf etwas aufmerksam machen soll, das im Alltag viel zu oft übersehen wird. Nicht jede Behinderung ist auf den ersten Blick erkennbar. Und nur, weil man einem Menschen nichts ansieht, bedeutet das nicht, dass er keine Herausforderungen bewältigen muss.

Ich selbst habe eine sichtbare Körperbehinderung. Meine Behinderung fällt anderen Menschen auf, wenn sie mich sehen. Dadurch sind viele Dinge, die ich im Alltag brauche, für mein Gegenüber zumindest erkennbar. Doch das ist bei weitem nicht bei allen Menschen mit Behinderungen so.

Es gibt zahlreiche Behinderungen, die von außen nicht sichtbar sind. Die betroffenen Menschen müssen sich deshalb häufig mit Vorurteilen, Unverständnis und unangenehmen Fragen auseinandersetzen. Genau deshalb finde ich es wichtig, dass es diesen Aktionstag gibt.

Symbolbild: Inklusion

Was sind unsichtbare Behinderungen?

Der Begriff beschreibt Behinderungen, die von anderen Menschen nicht unmittelbar erkennbar sind. Dazu gehören beispielsweise Autismus, FASD, psychische Erkrankungen, ME/CFS, Diabetes oder bestimmte Hörbehinderungen. Auch chronische Erkrankungen und andere gesundheitliche Beeinträchtigungen können mit einer im Alltag nicht sichtbaren Behinderung verbunden sein.

Die Liste ist lang. Sie zeigt, wie vielfältig das Leben von Menschen mit Behinderungen ist.

Am 20. Oktober 2024 wurde der Tag der unsichtbaren bzw. nicht sichtbaren Beeinträchtigungen erstmals begangen. Er wurde von einem Verein aus Rheinland-Pfalz ins Leben gerufen. Inzwischen wird die Initiative bundesweit von zahlreichen Verbänden, Vereinen und Kommunen unterstützt. Ziel ist es, mehr Aufmerksamkeit für die Lebensrealität der betroffenen Menschen zu schaffen.

Wie wichtig das ist, zeigt auch ein Blick auf Schleswig-Holstein: Hier leben nach Angaben der Landesbeauftragten für Menschen mit Behinderungen rund 550.000 Menschen mit einer anerkannten Behinderung. Schätzungen zufolge sind etwa 80 Prozent aller Behinderungen nicht auf den ersten Blick sichtbar. Die Tagesschau hat anlässlich des heutigen Aktionstags darüber berichtet.

„Du siehst doch gar nicht behindert aus!“

Vielleicht hast du diesen Satz schon einmal gehört. Vielleicht hast du ihn sogar selbst schon zu einem Menschen gesagt, dessen Behinderung dir nicht aufgefallen ist.

Was auf den ersten Blick harmlos gemeint ist, kann für Betroffene verletzend sein. Denn damit wird ihre Lebensrealität infrage gestellt. Es schwingt die Vorstellung mit, dass eine Behinderung nur dann existiert, wenn sie sichtbar ist. Doch so einfach ist es nicht.

Ein Mensch kann äußerlich völlig unauffällig wirken und trotzdem jeden Tag mit Schmerzen, Erschöpfung, Reizüberflutung oder anderen erheblichen Herausforderungen leben. Manche Menschen schaffen es, ihre Schwierigkeiten nach außen hin zu überspielen. Andere wiederum müssen ihre Kräfte so genau einteilen, dass selbst alltägliche Dinge zu einer großen Anstrengung werden.

Und manchmal sieht man einem Menschen zwar nicht an, was er hat, aber sehr deutlich, was ihm gerade nicht möglich ist. Auch das wird im Alltag oft missverstanden.

Wer beispielsweise eine Pause braucht, obwohl andere keinen Grund dafür erkennen, ist nicht automatisch faul. Wer eine Verabredung absagt, weil die eigenen Kräfte nicht reichen, ist nicht unzuverlässig. Und wer Unterstützung benötigt, obwohl er scheinbar alles allein erledigen könnte, muss sich dafür nicht rechtfertigen.

Eine unsichtbare Behinderung wird nicht weniger real, nur weil andere sie nicht sehen können.

Unsichtbar bedeutet nicht weniger einschränkend

Mir ist wichtig, dass wir sichtbare und unsichtbare Behinderungen nicht gegeneinander ausspielen. Es geht nicht darum, welche Behinderung schwerer ist oder wer es im Alltag am schwierigsten hat. Jede Lebenssituation ist anders und Menschen erleben ihre Behinderungen sehr unterschiedlich.

Selbst bei einer sichtbaren Körperbehinderung können andere Menschen nicht automatisch erkennen, welche Unterstützung jemand benötigt und welche Herausforderungen damit verbunden sind. Das gilt ebenso für Menschen mit unsichtbaren Behinderungen.

Wir sollten deshalb vorsichtig sein, aus dem äußeren Erscheinungsbild eines Menschen Rückschlüsse auf sein Leben zu ziehen.

Manche Betroffene müssen lange um eine Diagnose oder die Anerkennung ihrer Einschränkungen kämpfen. Andere erleben, dass ihre Beschwerden nicht ernst genommen werden, weil sie gesund aussehen. Wieder andere haben Angst, offen über ihre Behinderung zu sprechen, da sie Nachteile oder Ablehnung befürchten.

Das kann dazu führen, dass sich Menschen zurückziehen, ihre Schwierigkeiten verbergen oder immer wieder versuchen, sich anderen gegenüber zu erklären. Dabei sollte niemand seine persönlichen Grenzen erst beweisen müssen, damit sie respektiert werden.

Mehr Verständnis statt vorschneller Urteile

Was können wir also tun? Zunächst einmal können wir lernen, weniger schnell zu urteilen. Wenn jemand eine Pause benötigt, eine Einladung absagt oder um Unterstützung bittet, müssen wir nicht sofort nach einem Grund suchen.

Wir können zuhören, respektvoll Fragen stellen und akzeptieren, wenn jemand nicht über die eigene Behinderung sprechen möchte. Es ist nicht unsere Aufgabe, darüber zu entscheiden, ob die Schwierigkeiten eines anderen Menschen berechtigt sind.

Das bedeutet auch, Menschen mit unsichtbaren Behinderungen nicht unter Generalverdacht zu stellen. Niemand sollte sich schuldig fühlen müssen, nur weil andere seine Behinderung nicht erkennen können.

Gleichzeitig brauchen wir bessere Aufklärung und mehr Barrierefreiheit. Denn Barrieren bestehen nicht nur aus Treppen, fehlenden Aufzügen oder unzugänglichen Gebäuden. Es gibt auch Barrieren in unseren Köpfen: Vorurteile, falsche Erwartungen und die Vorstellung, alle Menschen müssten auf dieselbe Weise funktionieren.

Eine inklusive Gesellschaft muss unterschiedliche Bedürfnisse berücksichtigen. Dazu gehören beispielsweise leicht verständliche Informationen, Rücksicht auf unterschiedliche sensorische Bedürfnisse, flexible Arbeitsbedingungen und ein Gesundheits- und Sozialsystem, das die individuellen Lebenslagen der Menschen ernst nimmt. All das ist keine Sonderbehandlung. Es geht um gleichberechtigte Teilhabe.

Was ich mir für den Umgang miteinander wünsche

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Menschen nicht erklären müssen, warum sie etwas nicht können oder warum sie Unterstützung benötigen. Eine Gesellschaft, in der wir uns gegenseitig glauben, zuhören und respektieren, dass nicht alle Herausforderungen von außen sichtbar sind.

Dies gilt für den Arbeitsplatz ebenso wie für die Schule, den öffentlichen Raum, Arztpraxen, Behörden und unser persönliches Umfeld.

Niemand sollte gezwungen sein, die eigenen Beschwerden immer wieder unter Beweis zu stellen. Niemand sollte sich dafür schämen müssen, dass seine Kräfte begrenzt sind. Und niemand sollte das Gefühl bekommen, die eigene Behinderung sei weniger ernst zu nehmen, nur weil sie andere nicht sehen können.

Für mich gehört das unmittelbar zur Inklusion. Es reicht nicht aus, Menschen mit Behinderungen nur dann wahrzunehmen, wenn ihre Behinderung offensichtlich ist. Wir müssen auch diejenigen ernst nehmen, deren Herausforderungen sich unserem Blick entziehen.

Der Tag der unsichtbaren Behinderungen ist deshalb mehr als nur ein Datum im Kalender. Er ist eine Einladung, die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen und im Alltag genauer hinzusehen, ohne Menschen auf ihr Äußeres zu reduzieren.

Denn wir sehen immer nur einen Teil dessen, was ein anderer Mensch erlebt. Ich wünsche mir, dass wir das nicht nur am 20. Oktober, sondern an jedem einzelnen Tag beherzigen.

Weiterführende Informationen

Lorenzo

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