40 Jahre Tschernobyl: Warum wir nichts vergessen dürfen

Gestern jährte sich die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl zum 40. Mal. Ein Ereignis, das Geschichte geschrieben hat und bis heute nachwirkt. Ich war damals zehn Jahre alt.

Erinnerungen an eine unheimliche Zeit

Mit zehn Jahren versteht man noch nicht alles. Aber man versteht genug, um zu merken, wenn etwas nicht stimmt.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie unheimlich und beängstigend diese Zeit war. Plötzlich ging es um radioaktiven Regen, belastete Lebensmittel und unsichtbare Gefahren.

Was die Situation noch schlimmer machte, war, dass es kaum verlässliche Informationen gab.

Aus der Sowjetunion kam lange Zeit wenig bis nichts. Aber auch die Bundesregierung machte damals keine wirklich gute Figur. Klare Kommunikation? Fehlanzeige.

Diese Mischung aus Aufregung und Unsicherheit hat sich bei mir eingebrannt.

Radioaktivitäts-Warnzeichen (ein sogenanntes Trefoil) – das internationale Symbol für ionisierende Strahlung. Es zeigt ein schwarzes Dreilappensymbol auf einem gelben Dreieck (bzw. häufig auf einem gelben Quadrat oder Kreis) und wird zur Kennzeichnung von radioaktiven Stoffen, Strahlenquellen und strahlengefährdeten Bereichen verwendet.

Eine verpasste Chance

Rückblickend frage ich mich, warum man damals keine Konsequenzen gezogen hat.

Natürlich muss man fair sein: 1986 standen erneuerbare Energien noch ganz am Anfang. Sie waren noch nicht so weit entwickelt wie heute. Aber genau deshalb hätte man ja anfangen müssen.

Ein schrittweiser Ausstieg aus der Atomenergie wäre möglich gewesen. Stattdessen wurde so weitergemacht, als hätte es Tschernobyl nie gegeben.

Die Risiken sind bekannt – bis heute

Atomenergie ist nicht nur gefährlich, sondern auch extrem teuer. Das größte Problem, der Atommüll, ist bis heute ungelöst.

Obwohl gesetzlich eigentlich klar war, dass es eines geben muss, bevor Atomkraftwerke betrieben werden, haben wir in Deutschland immer noch kein Endlager.

Wenn man es genau nimmt, lief vieles jahrelang auf einer sehr fragwürdigen Grundlage. Umso richtiger war der Atomausstieg im Jahr 2011, der eigentlich schon viel früher hätte kommen müssen.

Tschernobyl ist nicht vorbei

Was oft vergessen wird: Tschernobyl ist kein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte.

Im Zuge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine rückte die Region rund um das ehemalige Atomkraftwerk wieder in den Fokus. Es gab und gibt militärische Aktivitäten, Besetzungen und Gefährdungen der Anlage.

Besonders besorgniserregend ist, dass der sogenannte „Sarkophag“, der die Überreste des zerstörten Reaktors schützt, im letzten Jahr durch einen Drohnenangriff schwer beschädigt wurde.

Dies macht auf erschreckende Weise deutlich, wie verwundbar solche Anlagen sind – insbesondere in Krisen- und Kriegszeiten.

Die Risiken der Atomenergie sind also nicht nur theoretischer oder historischer Natur. Sie sind real und aktuell.

Und trotzdem kommt die Debatte zurück

Was mich wirklich fassungslos macht, ist die Tatsache, dass heute ernsthaft darüber diskutiert wird, zur Atomenergie zurückzukehren. Vor allem aus Reihen der CDU/CSU – etwa von Jens Spahn – wird sie teilweise wieder als heilige Kuh für unsere Energieprobleme dargestellt.

Für mich ist das völlig absurd. Die Risiken sind seit Jahrzehnten bekannt. Wir wissen, wie teuer Atomenergie ist. Und wir wissen, dass das Müllproblem weiterhin ungelöst ist.

Hinzu kommt, dass inzwischen nicht nur die politischen und wirtschaftlichen, sondern auch die fachlichen Voraussetzungen fehlen. An vielen Universitäten gibt es kaum noch entsprechende Studiengänge im Bereich der Kerntechnik und es fehlen Fachkräfte, die solche Anlagen planen, bauen und betreiben könnten.

Warum also zurück in die Vergangenheit, statt konsequent in die Zukunft zu investieren?

Ein Blick hinter die Kulissen

Was viele vielleicht nicht wissen: Kurz nach der Katastrophe von 1986 hat die Atomenergie-Lobby ihren Werbeetat deutlich erhöht. Das weiß ich aus sicherer Quelle.

Wenn man sich dann anschaut, wie lange Deutschland anschließend noch an der Atomenergie festgehalten hat, kann man sich zumindest die Frage stellen, welchen Einfluss solche Entwicklungen hatten.

Fazit

Tschernobyl ist mehr als nur ein historisches Ereignis. Es ist eine Mahnung.

Eine Mahnung, dass Risiken nicht unterschätzt werden dürfen. Eine Mahnung, wie wichtig Transparenz ist. Und eine Mahnung, die richtigen Konsequenzen zu ziehen.

Für mich ist klar: Der Weg kann nur in Richtung erneuerbare Energien führen. Alles andere wäre ein Rückschritt. Und den können wir uns nicht leisten.

Lorenzo

PS: Du darfst diesen Blogbeitrag hier mit den nachfolgenden Buttons gerne teilen:

8 Kommentare

  1. Am 01. Mai 1986 habe ich einen neuen Job angetreten, Mit einem sehr alten Käfer Cabrio war ich am 30.April von Düsseldorf nach München unterwegs. Über 600 Kilometer hinweg hatte ich so was von derbe Schiss, dass es zu regnen beginnt, denn ich bekam das Dach nicht richtig geschlossen. Ävver – Et hätt noch immer jot jejange… Mit der Reparatur einher ging dann die Platzierung eines ziemlich schicken gelben AtomkraftNeinDanke-Aufklebers rechts oberhalb der hinteren Stoßstange.

    1. Moin Bock,

      was für eine Geschichte! Das klingt nach einer Mischung aus Abenteuer, Improvisation und einer ordentlichen Portion Nervenkitzel.

      Ich kann mir gut vorstellen, wie du unterwegs warst und bei jedem dunklen Wolkenfleck gedacht hast: „Bitte jetzt kein Regen …“ Gerade in dieser Zeit muss es sich nochmal ganz anders angefühlt haben.

      Und der „Atomkraft? Nein danke“-Aufkleber passt perfekt zu der Geschichte, quasi als sichtbares Statement nach dieser Erfahrung.

      Danke dir fürs Teilen. Solche persönlichen Erinnerungen machen das Thema noch greifbarer.

      Viele Grüße
      Lorenzo

  2. Über diese Katastrophe wird heute noch einiges verschwiegen. Im empfehle die Kurzserie Chernobyl, die trotz aller Dramaturgie doch ziemlich nah an dem dran ist, was wirklich passiert ist.
    Der extrem heiße geschmolzene Kernbrennstoff drohte sich seinerzeit durch den Reaktorboden nach unten zu fressen. Direkt unter dem Reaktor befand sich das Dampfkondensationsbecken, das mit Tausenden Litern Wasser gefüllt war. Hätte der geschmolzene Kernbrennstoff das Wasser erreicht, wäre es durch den enormen Überdruck und teilweise Bildung von Wasserstoff zu einer weiteren Explosion gekommen. Diese wäre um ein Vielfaches heftiger als die Explosion von Block 4 des Kernkraftwerks gewesen.
    Nach Einschätzung sowjetischer Wissenschaftler und später auch internationaler Experten wäre nach dieser Explosion halb Europa dauerhaft verstrahlt worden. Große Teile Deutschlands wären durch Cäsium-137 und andere langlebige Nuklide so stark belastet worden, dass Landwirtschaft dauerhaft unmöglich gewesen wäre.
    Nur durch den Einsatz zweier Taucher, die das Wasser im Becken abließen, ist das verhindert worden. Wer sich immer noch für Atomkraft ausspricht, soll sich die Frage stellen, welche Energieform es wert ist, im GAU, große Teile der Erde unbewohnbar zu machen.
    Gruß aus dem Sauerland

    1. Moin Peter,

      danke dir für deinen ausführlichen Kommentar. Das sind genau die Aspekte, die vielen heute gar nicht mehr präsent sind.

      Die Serie „Chernobyl” kenne ich tatsächlich gut, ich habe sie schon zweimal gesehen und werde sie mir jetzt noch einmal anschauen. Natürlich ist sie dramaturgisch zugespitzt, aber das ist bei jeder Serie und jedem Film so. Trotzdem finde ich, dass sie vieles sehr eindrücklich und nachvollziehbar darstellt.

      Gerade die Szenen rund um die drohende zweite Explosion zeigen, wie knapp es wirklich war und welche Dimensionen das hätte annehmen können. Das macht noch einmal deutlich, mit welchen Risiken wir es bei der Atomenergie zu tun haben.

      Dein letzter Punkt trifft es für mich auch ziemlich gut: Letztendlich muss man sich fragen, ob irgendeine Energieform solche potenziellen Folgen rechtfertigen kann.

      Viele Grüße ins Sauerland,
      Lorenzo

  3. Wollen wir es nicht übertreiben. War durchweg sonnig, soweit ich mich erinnern kann. Aber alle Infos, die man hatte, kamen aus dem Autoradio oder aus der flüchtigen Sicht des Trailers von „Das China-Syndrom“.

    1. Moin Bock,

      alles klar, dann habe ich dir im Nachhinein wohl ein bisschen zu viel Drama angedichtet. 😄

      Aber genau das mit den Informationen finde ich spannend: Heute bekommt man im Minutentakt Updates aus aller Welt, während man damals auf das Autoradio und ein paar Eindrücke nebenbei angewiesen war. Das muss sich total anders angefühlt haben, gerade bei so einem Thema.

      Und dass einem dabei ausgerechnet ein Film wie „Das China-Syndrom“ in den Sinn kam, macht die Situation im Rückblick ja fast noch eindrücklicher.

      Danke dir nochmal fürs Teilen!

      Viele Grüße
      Lorenzo

      1. Ho, Brauner. Wenn überhaupt, dann habe ich im Vorhinein zu viel Drama draufgepackt. Aber das war schon schwierig. Die Sowjets haben nix rausgelassen, der Zimmermann hat ständig erzählt, dass keine Gefahr besteht und trotzdem war klar, dass du in nächster Zeit keine Pilze essen wirst. Und wie gesagt: Meine zuverlässigsten Informanten im Hinblick auf Unfälle in AKWs waren Michael Douglas und Jane Fonda, obwohl ich den Film bis dahin nie vollständig gesehen hatte.

        1. Moin Bock,

          ja, das kann ich gut nachvollziehen, mir ging es damals ähnlich. Dieses Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt, obwohl man es nicht richtig greifen konnte.

          Man hat die vorhandenen Informationen aufgenommen, aber konnte das alles nicht richtig einordnen. Und genau das hat es irgendwie noch unheimlicher gemacht.

          Heute weiß man viel mehr darüber, aber dieses diffuse Gefühl von damals ist trotzdem irgendwie hängen geblieben.

          Viele Grüße
          Lorenzo

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert