Mensch ist Mensch!

Symbolbild: Inklusion
Symbolbild: Inklusion

Am 6. August habe ich ja über eine gemeinsame Themenwoche mit der lieben Franziska von Fotos für Freu(n)de auf Instagram unter @lorenzoswelt und @fotos_fuer_freund_innen schon geschrieben. Vorgestern war es soweit und die Themenwoche ist gestartet. Franziska ist ja seit Mai meine Fotografin. Wir sind seitdem auch befreundet. 🙂 Und wir reden über alles. Da ist Franziska die Idee zu dieser Themenwoche gekommen, in der wir dir drei Themen, die Behinderte so haben, näher bringen und zum Nachdenken anregen möchten. Ich fand die Idee sofort fantastisch, weil die Themen mir sehr wichtig sind.

Die Themen sind:

  • Du kannst nicht selbst über deine Sexualität bestimmen.
  • Du bekommst trotz Ausbildung keine Arbeit.
  • Du bist in Gefahr, kannst dich aber nicht retten.

Zu den ersten beiden Themen hat Franziska mich interviewt. Die Interviews gibt es in schriftlicher bzw. Video-Form. Und das möchte ich dir hier auf meinem Blog natürlich auch nicht vorbehalten. Es kann ja sein, dass du gar kein Instagram hast. Also, hier ist das schriftliche Interview. Die Videos sind ganz unten.

Die Fragen von Franziska an mich:

  • Welche Form der Behinderung hast du?
  • Was bedeutet es für dich, „ein selbstbestimmtes Leben führen“?
  • Sexualität gehört zur Selbstbestimmung dazu. Inwieweit ist das deiner Meinung nach ein Thema, das besondere Aufmerksamkeit bedurft?
  • Wie bist du auf Sexualbegleitung gekommen?
  • Inwieweit stößt du dabei auf gesellschaftspolitische Schwierigkeiten?
  • Was würdest du dir wünschen?
  1. Antwort: Ich habe eine rechtsbetonte Spastik in den Beinen und Armen. Die Mundfeinmotorik ist auch betroffen. Deshalb kann ich nicht aktiv sprechen, aber ich verstehe alles und kann laufen.
  2. Wenn ich ein selbstbestimmtes Leben führe, kann ich frei über mein Leben bestimmen und dementsprechend auch so leben. Leider gibt es als Behinderter immer noch Grenzen, vor allem finanzielle– und das finde ich unfair, denn es müsste nicht sein. Als Hartz-IV-Empfänger lebt man am Existenzminimum, erst recht, wo die Energiepreise explodieren. Ich habe schon Sorgen, kein Geld für meine Bedürfnisse, die ich für die Seele brauche, mehr übrig zu haben. Dabei ist es die Seele, die wichtig Ist.
  3. Menschen mit Behinderungen wie ich sehnen sich, wie alle anderen auch nach Liebe, Zärtlichkeit, körperlicher Nähe und Sex. Aber das ist leider immer noch ein Tabuthema. Viele von uns sind nicht asexuell wie oft behauptet wird. Nur wir haben halt kaum Berührungspunkte mit Menschen. So lernen wir kaum Menschen kennen, Partner*innen erst recht nicht, und wir werden oft auch abgelehnt. Angefasst werden wir eigentlich nur von unseren Eltern und Pfleger*innen, auch zum Teil ungefragt – aber das ist eine andere Geschichte. Unabhängig davon ist unsere Sehnsucht trotzdem da. Mal mehr, mal weniger. Käufliche Liebe bzw. Sexualbegleitung ist für viele von uns der letzte Ausweg, aber sowas ist sehr teuer und daher für uns oft finanziell kaum machbar. In vielen Fällen höchstens nur zweimal im Jahr. Leider! Wir verdienen oft nur ein Taschengeld (z. B. in den Behindertenwerkstätten) oder sind arbeitslos wie ich. Jeder weiß ja, was das heißt: Mit Hartz IV kann man sich keine Extras leisten. Aber unsere Sehnsucht bleibt nach wie vor.
  4. Vor 13 Jahren habe ich im Internet nach Sex/Sexualität und Behinderung/Behinderte gesucht und einiges gefunden. Darunter auch Sexualbegleitung bzw. Sexualbegleiterinnen, aber leider gab und gibt es im Raum Hamburg nur eine Begleiterin. In Berlin, West- und Süddeutschland gibt es mehrere, aber sie sind entweder nur in ihrem Gebiet tätig oder die Reisekosten kommen zum Preis dazu. Das heißt, dass man es sich noch seltener leisten kann. Deshalb habe ich später auch „normale“ Sexarbeiterinnen angefragt, bis eine ja sagte – sowas ist auch teuer.
  5. Die gesellschaftspolitischen Schwierigkeiten sind, dass wir als asexuell gesehen werden und nicht als Frauen bzw. Männer wahrgenommen werden. Viele sehen nur unsere Behinderungen und nicht den Menschen dahinter. Außerdem werden uns unsere Bedürfnisse bzw. Sehnsüchte oft abgesprochen. Ein großes Problem: Oft wird uns unsere Privatsphäre missachtet. Viele kommen einfach ins Zimmer oder in die Wohnung, ohne anzuklopfen.
  6. Ich würde mir mehr Hilfe und Respekt wünschen und nicht immer das „Behinderung = asexuell bzw. keine Bedürfnisse“-Denken. Die Hilfe könnte auf einer Seite finanziell sein, d. h. ein angemessenes Gehalt in den Behindertenwerkstätten oder überhaupt eine Bereitschaft, uns helfen zu wollen. Mein Vorschlag: Behinderte direkt fragen, was sie brauchen und dann eine gemeinsame Lösung finden. Aber in Deutschland ist alles sofort kompliziert. In den Niederlanden gibt es für uns zum Beispiel die Möglichkeit „Sex“ auf Rezept zu bekommen. Das wäre auch eine Lösung für Deutschland, aber dafür sind wir leider immer noch zu konservativ bzw. hier will die Regierung keine Sexarbeit fördern. Doch wenn es für uns Behinderte keine andere Möglichkeit gibt uns ein bisschen Liebe, körperliche Nähe und Sex zu holen, darf es doch nicht am Geld scheitern. Selbstverständlich müsste in diesen Fällen klare Regelungen geben, die es so natürlich auch in den Niederlanden gibt. Das dortige Rezept ist kein Freischein für die Sexarbeiter*innen.
    Auch bei der Partnersuche würde ich mir eine andere Wahrnehmung wünschen. Wir werden meistens nur als Behinderte und nicht als Menschen gesehen. Das ist schade. Denn wir sind abseits der Behinderung Menschen, die auch ihre Qualitäten haben. Doch leider steht die Behinderungen immer im Vordergrund. Sowas sollte nicht sein.

Grüße, Lorenzo

Hier die Videos, Bilder von mir und Franziska:

2 Kommentare

  1. Ja, den Menachen mit einer Behinderung geht es da wahrscheinlich so wie vielen älteren Menschen. Sie werden auf eine Ebene mit Kindern gestellt und ihre Grenzen werden überschritten. Auch bei Kindern sollte man das vermeiden. Denn auch bei Kindern werden Grenzen viel zu oft überschritten. Jeder ist ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft und so soll er auch behandelt werden.

    1. Marina, du sagst es! Jeder ist ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft und so soll er auch behandelt werden, aber das ist oft nicht der Alltag. Leider! Das stört mich und macht mich auch traurig. Denn sowas müsste nicht sein. 🙁

      Lorenzo

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