Was gestern Abend beim Christopher Street Day (CSD) in Berlin passiert ist, macht mich zutiefst schockiert und traurig.
Ein friedlicher und bunter Tag, an dem Hunderttausende Menschen für Vielfalt, Toleranz, Gleichberechtigung und die Rechte queerer Menschen auf die Straße gegangen sind, endete mit einer schrecklichen Gewalttat. Am Rande des CSD fuhr ein Fahrzeug im Bereich des Tiergartens in eine Menschenmenge. Eine Frau wurde dabei getötet, 16 weitere Menschen wurden verletzt. Drei von ihnen schweben nach aktuellem Stand in Lebensgefahr, acht weitere wurden schwer verletzt. Der CSD wurde daraufhin abgebrochen.
Mein tiefstes Beileid gilt den Angehörigen und Freund:innen der getöteten Frau. Ich bin in Gedanken auch bei allen Verletzten und hoffe sehr, dass diejenigen, die um ihr Leben kämpfen, diese schreckliche Nacht überstehen.
Ich bin schockiert und traurig
Es fällt mir schwer, die richtigen Worte zu finden. Der CSD steht eigentlich für genau das Gegenteil von dem, was gestern Abend passiert ist: für ein friedliches, freies und vielfältiges Zusammenleben. Menschen gehen gemeinsam auf die Straße, um zu zeigen, dass jede:r so leben und lieben darf, wie er oder sie möchte. Und dann passiert ausgerechnet dort eine solche schreckliche Tat.
Das macht mich nicht nur traurig, sondern auch wütend. Gleichzeitig sollten wir jetzt nicht vorschnell über die Hintergründe urteilen. Die Polizei geht inzwischen von einem Anschlagsverdacht aus und hat einen Tatverdächtigen identifiziert, der der islamistischen Szene zugerechnet wird. Das konkrete Motiv ist aber noch nicht abschließend geklärt. Deshalb halte ich es für falsch, jetzt schon endgültige Schlussfolgerungen zu ziehen.
Nicht alle Ausländer:innen sind böse
Eines möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich sagen: Eine mögliche islamistische Tat darf niemals dazu führen, dass Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Religion oder ihres Aufenthaltsstatus pauschal verurteilt werden.
Nicht alle Ausländer:innen sind böse. Nicht alle Muslim:innen sind Islamist:innen. Und nicht jede:r Mensch mit Migrationsgeschichte hat etwas mit Extremismus zu tun.
Wir müssen gegen Islamismus und jede andere Form von Extremismus konsequent vorgehen. Aber gleichzeitig müssen wir uns davor hüten, ganze Bevölkerungsgruppen unter Generalverdacht zu stellen. Denn genau das würde den Grundgedanken einer offenen Gesellschaft zerstören.
Der CSD ist wichtiger denn je
Vielleicht werden manche nach diesem schrecklichen Abend sagen: „Dann kann man solche Demonstrationen eben nicht mehr veranstalten.“ Ich sehe das genau andersherum. Jetzt erst recht!
Wenn Menschen versuchen, Angst und Gewalt zu verbreiten, dürfen wir uns nicht einschüchtern lassen. Wir dürfen nicht aufhören, für eine offene und vielfältige Gesellschaft einzutreten.
Der CSD ist schließlich nicht einfach nur eine große Party mit Musik, bunten Wagen und tanzenden Menschen. Ja, natürlich gehört das dazu. Aber hinter der bunten Fassade steckt eine ernsthafte politische Botschaft.
Es geht um Menschenrechte. Es geht um Gleichberechtigung. Es geht um die Freiheit, selbst zu entscheiden, wen man liebt und wie man leben möchte. Und es geht darum, dass niemand wegen seiner sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität diskriminiert, bedroht oder angegriffen werden darf.
Es kommt darauf an, wie ein Mensch ist
Wie ich bereits in meinem Beitrag über die CSD-Demonstrationen in Hamburg und Berlin im letzten Jahr geschrieben habe: Es kommt doch darauf an, wie ein Mensch ist – und nicht darauf, wen er liebt. Eigentlich sollte das eine Selbstverständlichkeit sein. Leider ist es das noch immer nicht.
Queere Menschen erleben weiterhin Diskriminierung, Hass und Gewalt. Und auch wenn sich in den vergangenen Jahrzehnten vieles verbessert hat, gibt es gleichzeitig Kräfte, die diese Fortschritte wieder zurückdrehen möchten.
Genau deshalb müssen wir sichtbar bleiben. Wir dürfen nicht zulassen, dass Angst stärker wird als Solidarität. Wir dürfen nicht zulassen, dass Hass stärker wird als Liebe. Und wir dürfen nicht zulassen, dass Extremist:innen bestimmen, wie frei und vielfältig unsere Gesellschaft sein darf.
Auch für Menschen mit Behinderung
Für mich persönlich gehört zu diesem Thema noch etwas anderes dazu: Vielfalt bedeutet für mich nicht nur sexuelle Vielfalt.
Als Mensch mit Behinderung und als Politiker setze ich mich auch für die Rechte von Menschen mit Behinderung ein.
Viele Menschen mit Behinderung haben es ohnehin schwerer, ihre Sexualität selbstbestimmt auszuleben. Das betrifft Menschen mit ganz unterschiedlichen sexuellen Orientierungen. Häufig wird ihnen Sexualität immer noch abgesprochen oder sie werden gar nicht als sexuelle Menschen wahrgenommen. Auch das muss sich ändern.
Jeder Mensch hat das Recht auf Selbstbestimmung. Jeder Mensch hat das Recht zu lieben. Jeder Mensch hat das Recht auf Sexualität.
Ganz egal, ob behindert oder nichtbehindert, heterosexuell, lesbisch, schwul, bisexuell oder queer.
Wir dürfen uns nicht entmutigen lassen
Die Bilder und Nachrichten aus Berlin werden mir wahrscheinlich noch lange im Kopf bleiben. Eine Frau hat ihr Leben verloren. Viele Menschen wurden verletzt. Andere werden vielleicht noch lange mit den psychischen Folgen dieses schrecklichen Erlebnisses zu kämpfen haben.
Das dürfen wir nicht vergessen. Aber wir dürfen daraus auch nicht die falsche Konsequenz ziehen. Die Antwort auf Gewalt darf nicht weniger Vielfalt sein. Die Antwort auf Hass darf nicht weniger Freiheit sein. Die Antwort auf Extremismus darf nicht weniger Demokratie sein.
Unsere Antwort muss mehr Solidarität, mehr Zusammenhalt und mehr Einsatz für eine offene Gesellschaft sein.
Ich wünsche den Verletzten von Herzen, dass sie wieder gesund werden. Den Angehörigen und Freund:innen der getöteten Frau wünsche ich ganz viel Kraft für die kommende schwere Zeit. Und allen Menschen, die gestern beim CSD in Berlin dabei waren, möchte ich sagen: Lasst euch nicht entmutigen!
Gehen wir weiterhin auf die Straße. Zeigen wir weiterhin unsere Regenbogenfahnen. Setzen wir weiterhin ein Zeichen für Vielfalt, Toleranz und Menschenrechte. Denn gerade nach einem solchen schrecklichen Ereignis ist eines wichtiger denn je: Wir dürfen nicht aufhören, für eine freie, vielfältige und offene Gesellschaft einzustehen. Jetzt erst recht!
Lorenzo
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Hallo Lorenzo,
was für ein großartiger Blogpost zum schrecklichen Thema! „Eigentlich sollte das eine Selbstverständlichkeit sein“ könnte über vielem stehen, was du hier ausbreitest – ist es aber nicht, leider! Dass du dir die Mühe machst, noch einmal wortreicht Basics einzufordern und dazu zu ermuntern, „jetzt erst Recht“ sichtbar und laut zu werden, finde ich toll!
Lieben Gruß!
Hallo Claudia,
vielen lieben Dank für deinen tollen Kommentar! ❤️
Genau dieser Satz „Eigentlich sollte das eine Selbstverständlichkeit sein“ trifft für mich den Kern. Es ist eigentlich unglaublich, dass wir im Jahr 2026 immer noch über so grundlegende Dinge wie Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und das Recht, zu lieben, wen man möchte, diskutieren und dafür demonstrieren müssen.
Aber gerade deshalb finde ich es wichtig, diese „Basics“ immer wieder auszusprechen und sichtbar zu machen. Und nach dem schrecklichen Ereignis in Berlin erst recht. Wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen und müssen weiterhin für eine offene und vielfältige Gesellschaft einstehen.
Liebe Grüße
Lorenzo