CSD-Anschlag in Berlin: Die AfD sollte besser schweigen

Ich muss noch einmal auf den schrecklichen Anschlag beim Christopher Street Day (CSD) in Berlin zurückkommen. Seit meinem Beitrag vorhin habe ich die Nachrichten weiter verfolgt und viele Reaktionen gelesen.

Und eines macht mich dabei besonders wütend: Dass sich ausgerechnet die AfD heute zum Anschlag auf den CSD äußert und darüber berichtet wird, empfinde ich als blanken Hohn.

Warum? Weil es gerade die AfD ist, die immer wieder gegen die queere Community, gegen queere Projekte und gegen Menschen schießt, die sich für eine offene und vielfältige Gesellschaft einsetzen.

Regenbogenfahne

Wer bekämpft eigentlich die queere Community?

Natürlich muss jede Gewalttat verurteilt werden. Und selbstverständlich ist es richtig, wenn Politiker:innen ihre Anteilnahme mit den Opfern und ihren Angehörigen ausdrücken.

Aber bei der AfD frage ich mich schon: Wie glaubwürdig ist diese Anteilnahme eigentlich?

Die AfD hat immer wieder gegen queere Menschen und gegen eine Politik der Vielfalt Stellung bezogen. Die AfD-Bundestagsfraktion forderte beispielsweise die Abschaffung des Amtes des Queer-Beauftragten der Bundesregierung. Erst im Juni 2026 wurden außerdem mehrere Anträge von meinen Grünen und den Linken zum Schutz und zur Stärkung queeren Lebens im Bundestag abgelehnt – unter anderem mit den Stimmen der AfD.

Und dann äußert sich diese Partei plötzlich zum Anschlag auf den CSD? Sorry, aber das nehme ich ihr nicht ab. Wer die Strukturen schwächt, die sich für queere Menschen einsetzen, kann nicht gleichzeitig glaubwürdig so tun, als würde er für deren Schutz kämpfen.

NGOs und Ehrenamtliche sind kein Feindbild

Das gilt übrigens nicht nur für die queere Community. Die AfD schießt auch immer wieder gegen Nichtregierungsorganisationen und Menschen, die sich ehrenamtlich für Demokratie, Menschenrechte und eine offene Gesellschaft engagieren. Erst im Mai 2026 bezeichnete der AfD-Bundessprecher Stephan Brandner einen sogenannten „NGO-Komplex“ als Problem und stellte die staatliche Förderung entsprechender Organisationen infrage.

Dabei sind NGOs und Ehrenamtliche ein wichtiger Teil unserer demokratischen Gesellschaft. Menschen engagieren sich freiwillig, organisieren Veranstaltungen, beraten andere Menschen, helfen bei Problemen, setzen sich gegen Diskriminierung ein und sorgen dafür, dass Menschen gesehen und gehört werden.

Das ist kein Problem. Das ist gelebte Demokratie! Und genau deshalb finde ich es so wichtig, dass wir uns gegen diejenigen stellen, die solche Strukturen kleinmachen wollen.

Vielfalt ist kein Feindbild

Ich verstehe einfach nicht, warum manche Menschen so große Angst vor Vielfalt haben. Warum muss es jemanden stören, wenn zwei Frauen sich lieben? Warum muss es jemanden stören, wenn zwei Männer heiraten? Warum muss es jemanden stören, wenn ein Mensch trans ist?

Warum muss es jemanden stören, wenn Menschen unabhängig von ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihrer Behinderung oder ihrer sexuellen Orientierung gemeinsam auf die Straße gehen?

Es kommt doch darauf an, wie ein Mensch ist – und nicht darauf, wen er liebt! Eigentlich sollte das eine Selbstverständlichkeit sein. Leider ist es das nicht. Und genau deshalb gibt es den CSD.

Nach dem Anschlag gilt erst recht: nicht leiser werden!

Was beim CSD in Berlin passiert ist, ist schrecklich. Eine Frau wurde getötet, viele weitere Menschen wurden verletzt. Meine Gedanken sind weiterhin bei den Opfern, ihren Angehörigen und den Verletzten.

Aber ich möchte nicht, dass diese Tat dazu führt, dass Menschen Angst bekommen, für ihre Rechte einzustehen. Ich möchte nicht, dass queere Menschen wieder unsichtbarer werden. Ich möchte nicht, dass wir uns zurückziehen.

Und ich möchte erst recht nicht, dass Rechtsextreme und andere Menschenfeinde am Ende davon profitieren, dass unsere Gesellschaft verängstigt ist.

Deshalb müssen wir jetzt erst recht zusammenstehen. Für Vielfalt. Für Toleranz. Für Gleichberechtigung. Für Selbstbestimmung. Für eine offene Gesellschaft. Und für eine Demokratie, in der jede:r Mensch seinen Platz hat.

Die AfD hat ein Glaubwürdigkeitsproblem

Ich will damit übrigens nicht sagen, dass man eine Aussage der AfD zum Anschlag nicht berichten darf. Natürlich darf und soll darüber berichtet werden.

Aber ich wünsche mir, dass dabei auch die Vorgeschichte und die politischen Positionen dieser Partei nicht vergessen werden.

Denn eine Partei wird nicht dadurch zur Verbündeten der queeren Community, dass sie nach einem Anschlag ein paar Worte des Bedauerns findet.

Glaubwürdigkeit zeigt sich nicht in einem Statement. Glaubwürdigkeit zeigt sich darin, wie man sich dauerhaft gegenüber Menschen und ihren Rechten verhält.

Und genau da hat die AfD aus meiner Sicht ein gewaltiges Problem.

Jetzt erst recht!

Der CSD in Berlin war eine Demonstration für eine freie und vielfältige Gesellschaft. Und genau diese Gesellschaft dürfen wir uns nicht nehmen lassen. Nicht von Islamist:innen. Nicht von Rechtsextremen. Nicht von der AfD.

Und auch nicht von irgendwelchen anderen Menschen, die glauben, sie könnten anderen vorschreiben, wie sie zu leben oder wen sie zu lieben haben. Die Antwort auf Gewalt darf nicht weniger Vielfalt sein. Die Antwort auf Hass darf nicht weniger Freiheit sein.

Und die Antwort auf diesen schrecklichen Anschlag muss deshalb lauten: Jetzt erst recht! 🏳️‍🌈

Lasst uns weiterhin sichtbar sein. Lasst uns weiterhin laut sein. Lasst uns weiterhin für eine Gesellschaft kämpfen, in der jede:r Mensch so sein darf, wie er oder sie ist. Denn Vielfalt ist kein Problem.

Vielfalt ist ein Schatz.

Lorenzo

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10 Kommentare

  1. > Das gilt übrigens nicht nur für die queere Community. Die AfD schießt auch immer wieder gegen Nichtregierungsorganisationen und Menschen, die sich ehrenamtlich für Demokratie, Menschenrechte und eine offene Gesellschaft engagieren. Erst im Mai 2026 bezeichnete der AfD-Bundessprecher Stephan Brandner einen sogenannten „NGO-Komplex“ als Problem und stellte die staatliche Förderung entsprechender Organisationen infrage.

    Der NGO-Komplex existiert aber.

    >Das ist kein Problem. Das ist gelebte Demokratie! Und genau deshalb finde ich es so wichtig, dass wir uns gegen diejenigen stellen, die solche Strukturen kleinmachen wollen.

    Eine „Zivilgesellschaft“, die von Steuergeldern getragen wird, ist keine, sondern ein steuerfinanzierter Kunstrasen. Und wenn vorgebliche „Nicht“-Regierungsorganisation Steuergelder z. B. für Studien bekommen obwohl sie ohnehin schon Steuergelder abgreifen, dann ist die Studie aufgrund der finanziellen Abhängigkeit unglaubwürdig.

    > Das ist kein Problem. Das ist gelebte Demokratie! Und genau deshalb finde ich es so wichtig, dass wir uns gegen diejenigen stellen, die solche Strukturen kleinmachen wollen.

    Das ist keine „gelebte Demokratie“, sondern gelebte Veruntreuung und ein Ausmisten dieses Augiasstalls wäre wünschenswert.

    > Und ich möchte erst recht nicht, dass Rechtsextreme und andere Menschenfeinde am Ende davon profitieren, dass unsere Gesellschaft verängstigt ist.

    Wenn ich mit meinem Partner durch die Stadt gehe mache ich mir ehrlich gesagt mehr Gedanken um Gewalt durch Moslems als Gewalt durch AfD-Anhänger.

    > Denn eine Partei wird nicht dadurch zur Verbündeten der queeren Community, dass sie nach einem Anschlag ein paar Worte des Bedauerns findet.

    Das gilt nicht nur für die AfD. Auch die „etablierten“ Parteien betrachte ich bei wohlfeilem, vorgeblich empathischem Gefasel nicht automatisch als meine Verbündeten.

    > Denn Vielfalt ist kein Problem.

    Sie ist bereits eines und es wird so schnell auch nicht besser werden.

    1. Hallo Frank,

      vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, so ausführlich auf meinen Beitrag einzugehen.

      Wir werden in einigen Punkten vermutlich nicht auf einen gemeinsamen Nenner kommen, was in einer Demokratie aber auch völlig in Ordnung ist.

      Ich sehe das Engagement vieler NGOs und Ehrenamtlicher deutlich positiver als du. Selbstverständlich muss transparent sein, wie öffentliche Gelder eingesetzt werden. Das erwarte ich ebenfalls. Daraus folgt für mich jedoch nicht, dass das Engagement dieser Organisationen unglaubwürdig oder überflüssig ist. Viele von ihnen leisten aus meiner Sicht einen wichtigen Beitrag für Demokratie, Menschenrechte und den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

      Was deine Sorge vor islamistischer Gewalt betrifft, muss Extremismus – egal ob islamistisch, rechtsextrem oder in anderer Form – konsequent bekämpft werden. Da gibt es für mich keinerlei Relativierung. Gleichzeitig möchte ich vermeiden, ganze Bevölkerungsgruppen unter Generalverdacht zu stellen. Genau das halte ich für wichtig, wenn wir über solche schrecklichen Taten sprechen.

      Beim Thema Vielfalt werden wir wohl ebenfalls unterschiedlich auf die Gesellschaft blicken. Für mich ist Vielfalt keine Problematik, sondern eine Bereicherung – vorausgesetzt, unser Zusammenleben basiert auf den Werten unseres Grundgesetzes: Menschenwürde, Freiheit, Gleichberechtigung und gegenseitigem Respekt.

      Danke dir trotzdem für die sachliche Diskussion.

      Liebe Grüße
      Lorenzo

  2. > Gleichzeitig möchte ich vermeiden, ganze Bevölkerungsgruppen unter Generalverdacht zu stellen.

    Das hatte ich nicht vor, aber die „Community“ investiert enorm viel Kraft in das Ignorieren eines Elefanten im Raum.

    1. Hallo Frank,

      ich finde schon, dass wir islamistischen Extremismus klar benennen und konsequent bekämpfen müssen. Da gibt es für mich überhaupt keinen Zweifel.

      Genauso wichtig ist mir aber, zwischen Islamismus und den vielen Muslim:innen zu unterscheiden, die friedlich in unserem Land leben und mit Extremismus nichts zu tun haben. Diese Differenzierung halte ich für unverzichtbar.

      Der eigentliche Kern meines Beitrags war jedoch ein anderer: Wir dürfen nicht zulassen, dass ein Anschlag oder die Angst vor Gewalt dazu führt, dass wir Vielfalt, Menschenrechte und den CSD infrage stellen. Genau dafür wollte ich werben.

      Liebe Grüße
      Lorenzo

  3. > Auch die „etablierten“ Parteien betrachte ich bei wohlfeilem, vorgeblich empathischem Gefasel nicht automatisch als meine Verbündeten.

    Bei dem Satz musste ich sofort an Herbert Reul von der CDU denken. Der war merkbefreit genug, um in Bezug auf die Tat von Berlin zu sagen:

    > „Wir dürfen uns unsere Freiheit, unser öffentliches Leben und unsere Feste nicht von Terroristen nehmen lassen. Genau das wäre ihr Ziel – und genau das werden wir nicht zulassen“

    Aber genau das machen wir Deutschen pausenlos seit dem 11. September 2001. Und ganz besonders machen es Innenminister mit Parteibuch der CDU/CSU (und damals Otto Schily von der SPD).

    „Anti“-„Terror“-Regelungen wie das Flüssigkeitengehampel an Flughäfen sind noch immer nicht abgeschafft.

    1. Hallo Julia,

      danke für deinen Kommentar!

      Ich kann nachvollziehen, was du meinst. Über die Verhältnismäßigkeit mancher Sicherheitsmaßnahmen nach dem 11. September kann und sollte man durchaus diskutieren.

      In meinem Beitrag ging es mir allerdings vor allem um etwas anderes: dass wir uns als Gesellschaft nicht einschüchtern lassen und nicht zulassen, dass Hass und Gewalt darüber entscheiden, ob Menschen weiterhin für Vielfalt, Gleichberechtigung und Menschenrechte auf die Straße gehen.

      Genau deshalb finde ich den Satz wichtig, dass wir uns unsere Freiheit nicht nehmen lassen dürfen. Er darf aus meiner Sicht aber nicht nur ein politisches Statement bleiben, sondern muss sich auch im gesellschaftlichen Alltag widerspiegeln.

      Liebe Grüße
      Lorenzo

  4. > In meinem Beitrag ging es mir allerdings vor allem um etwas anderes: dass wir uns als Gesellschaft nicht einschüchtern lassen und nicht zulassen, dass Hass und Gewalt darüber entscheiden, ob Menschen weiterhin für Vielfalt, Gleichberechtigung und Menschenrechte auf die Straße gehen.

    Reuls war eine Reaktion auf den Anschlag und hat daher mit dem Thema zu tun. Hass und Gewalt entscheiden schon seit 2001.

    > Genau deshalb finde ich den Satz wichtig, dass wir uns unsere Freiheit nicht nehmen lassen dürfen. Er darf aus meiner Sicht aber nicht nur ein politisches Statement bleiben, sondern muss sich auch im gesellschaftlichen Alltag widerspiegeln.

    Falls es dir nicht klar ist: Herbert Reul ist seit 1971 CDU-Mitglied. Er war zum Zeitpunkt von 9/11 bereits seit ungefähr 30 Jahren Parteimitglied. (also je nach Beitrittsmonat)

    https://de.wikipedia.org/wiki/Herbert_Reul

    Wir lassen uns bereits seit 2001 unsere Freiheit nehmen und er hat als Mitglied der Partei, von der viele „Anti“-„Terror“-Gesetze kommen, eher wenig dagegen gemacht. Sich jetzt hinzustellen und zu sagen, dass wir und unsere Freiheit nicht nehmen lassen dürften, ist daher ziemlich unglaubwürdig.

    1. Hallo Julia,

      ja, ich verstehe deinen Punkt jetzt besser. Und ich gebe dir durchaus recht, dass man Reuls Aussage auch vor dem Hintergrund der vergangenen 25 Jahre betrachten muss. Wenn Politiker:innen seit Jahren Maßnahmen mittragen, die Freiheitsrechte einschränken, wirkt der Satz „Wir dürfen uns unsere Freiheit nicht nehmen lassen“ natürlich ziemlich widersprüchlich.

      Gerade deshalb finde ich es wichtig, Freiheit nicht nur als Schlagwort zu benutzen. Freiheit und Sicherheit müssen immer wieder miteinander abgewogen werden. Auch Maßnahmen, die mit dem Kampf gegen Terrorismus begründet werden, dürfen aus meiner Sicht nicht automatisch als richtig und alternativlos gelten.

      Trotzdem würde ich Reuls Aussage nicht vollständig verwerfen. Der Gedanke, dass wir uns von Terror und Gewalt nicht davon abbringen lassen sollten, unser öffentliches Leben und unsere demokratischen Freiheiten zu leben, ist für mich grundsätzlich richtig. Ich würde nur hinzufügen: Das gilt genauso für den Schutz unserer Freiheitsrechte.

      Und genau da sehe ich auch die Verbindung zu meinem Beitrag: Wir sollten weder aus Angst vor Terrorismus unsere Freiheit immer weiter einschränken, noch aus Angst vor Gewalt aufhören, für Vielfalt und Gleichberechtigung auf die Straße zu gehen.

      Danke jedenfalls für den Denkanstoß – ich finde die Diskussion darüber durchaus wichtig.

      Liebe Grüße
      Lorenzo

  5. Ich frage mich, warum wir das Islamismus nennen und nicht einfach Islam. Studie über Studie, Umfrage über Umfrage zeigen über die Jahre, dass ein riesiger Teil der in Deutschland und im Westen lebenden Muslime die Regeln des Islams über das Grundgesetz/ Verfassungen bzw den gesellschaftlichen Regeln sehen.

    KFN-Studie (23/24) unter muslimischen Schülern. 68% sehen die Regeln des Korans als wichtiger als deutsche Gesetze.

    Emnid Umfrage im Auftrag der Uni Münster unter Menschen mit türkischen Wurzeln (15/16). 47% sehen religiöse Gebote als wichtiger als Gesetze des Staates.

    WZB Studie (2014): Fast 60 Prozent der befragten Muslime lehnten Homosexuelle als Freunde ab. Zwei Drittel der befragten Muslime halten demnach religiöse Gesetze für wichtiger als die Gesetze des Landes, in dem sie leben.

    Studie Uni Münster (2025) (sehr wohlwollende Studie, die sagt, dass Deutschland sich mehr anstrengen muss und z.B. „Maßnahmen auszubauen und gezielt zu fördern, die Muslime in ihrer Zugehörigkeit zur Gesellschaft bestärken und positiv sowie identitätsstiftend wirken“. Bei einer der repräsentativen Umfrage im Zeitraum von Juli 2023 bis April 2024 unter Muslimen mit Migrationshintergrund in Deutschland ließen sich 19,9 Prozent der insgesamt 1887 Befragten dieser Gemütslage zuordnen. Eine Mehrheit dieser „Ressentiment“-Gruppe bejaht zum Beispiel Fragen wie die, ob der Islam „die einzige und letztgültige politische Autorität“ sein sollte oder ob die islamischen Gesetze der Scharia „viel besser als die deutschen Gesetze“ sind.

    MOTRA-Monitor (2026): 45,1 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime unter 40 Jahren latent oder manifest islamismusaffine Einstellungen auf.

    VERDAMMT! Studie über Studie, Terroranschläge, Kriminalstatistiken, Geheimdienstberichte, Ex-Muslime, etc. zeigen, dass wir ein gewaltiges Problem haben mit dem Islam und nicht nur mit Islamismus. Denn wenn etwa 50% der Leute, die einer Religion angehören, latent gesellschaftsfeindliche Ressentiments haben, dann ist das ein Teil dieser Religion.

    Und nein, bei Christen sehen die Ergebnisse nicht so schlimm aus.

    1. Hallo Bohm,

      danke für deine ausführliche Antwort und die vielen Quellenangaben. Ich möchte die von dir angesprochenen Probleme keineswegs kleinreden. Im Gegenteil: Wenn ein erheblicher Teil der Befragten religiöse Regeln über demokratisches Recht stellt oder homosexuelle Menschen ablehnt, finde ich das selbstverständlich problematisch. Gerade beim Thema queere Menschen kann ich das nicht einfach wegwischen.

      Ich glaube allerdings, dass wir bei der Schlussfolgerung auseinanderliegen.

      Für mich bedeutet die Existenz problematischer und teilweise islamismusaffiner Einstellungen unter Muslim:innen nicht automatisch, dass „der Islam“ als Ganzes das Problem ist. Genau deshalb unterscheide ich zwischen Islam als Religion und Islamismus als politischer Ideologie. Islamismus muss aus meiner Sicht genauso konsequent bekämpft werden wie Rechtsextremismus und jede andere Form von Extremismus.

      Auch bei deinen Zahlen würde ich genauer hinschauen. Die verschiedenen Studien untersuchen unterschiedliche Gruppen, Altersbereiche, Zeiträume und Fragestellungen. Die 45,1 Prozent aus dem MOTRA-Monitor beziehen sich beispielsweise auf unter 40-jährige Muslim:innen und umfassen sowohl latent als auch manifest islamismusaffine Einstellungen. Das ist etwas anderes als die Aussage, 45,1 Prozent aller Muslim:innen in Deutschland seien Islamist:innen. Auch die Münster-Studie kommt nicht zu dem Ergebnis, dass die Hälfte der Muslim:innen islamistisch eingestellt ist.

      Die WZB-Studie von Ruud Koopmans zeigt allerdings erhebliche Unterschiede bei bestimmten fundamentalistischen Einstellungen. Das möchte ich gar nicht bestreiten. Gleichzeitig zeigt sie aber auch, dass es solche Einstellungen unter Christ:innen gibt, wenn auch in deutlich geringerem Umfang.

      Und genau deshalb finde ich deine Frage „Warum nennen wir das Islamismus und nicht einfach Islam?” so wichtig. Meine Antwort darauf ist: Weil ich nicht möchte, dass Millionen von Menschen aufgrund ihrer Religion für die Einstellungen eines Teils dieser Gruppe verantwortlich gemacht werden. Genauso wenig würde ich aus den rechtsextremen Einstellungen eines Teils der christlichen Bevölkerung schließen, dass das Christentum als Ganzes ein rechtsextremes Problem hat.

      Wir sollten problematische Einstellungen klar benennen, egal von wem sie kommen. Wenn jemand die Scharia über das Grundgesetz stellt, Homosexualität ablehnt oder die Gleichberechtigung von Frauen infrage stellt, dann ist das für mich nicht mit unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung vereinbar. Da müssen wir sehr deutlich sein.

      Aber genauso deutlich möchte ich sagen: Eine muslimische Person, die friedlich lebt, das Grundgesetz akzeptiert und andere Menschen unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung, Herkunft oder Religion respektiert, ist für mich nicht Teil dieses Problems.

      Gerade nach dem CSD-Anschlag halte ich diese Unterscheidung für besonders wichtig. Wir können Islamismus und islamistische Gewalt entschlossen bekämpfen, ohne Muslime pauschal unter Verdacht zu stellen.

      Denn mein Ausgangspunkt bleibt derselbe: Es kommt darauf an, wie ein Mensch ist – und nicht darauf, welcher Religion er angehört oder wen er liebt.

      Liebe Grüße
      Lorenzo

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