Es gibt Geschichten über Arbeitslosigkeit mit Happy End: Nach langer Jobsuche kommt endlich die erlösende Nachricht, dass man einen neuen Job gefunden hat. Anne, die Gründerin des Bloghexen-Bloggerforums, hat gerade sehr persönlich über genau so eine Geschichte geschrieben.
Bei mir sieht das Ende dieser Geschichte allerdings anders aus. Ich habe keinen neuen Job. Und trotzdem möchte ich heute einmal von meinen sechs Jahren Jobsuche erzählen. Denn hinter dieser Zahl steckt eine Realität, über die meiner Meinung nach viel zu wenig gesprochen wird:
Was passiert, wenn ein Mensch mit Behinderung trotz Ausbildung, Qualifikation und ernsthafter Bemühungen auf dem Arbeitsmarkt einfach keine Chance bekommt?
Ich wollte arbeiten
Nach meiner Kündigung im Jahr 2018 war für mich eigentlich klar: Ich suche mir einen neuen Job. Ich habe Fachabitur, bin gelernter Bürokaufmann und habe Berufserfahrung. Es gab also keinen Grund, davon auszugehen, dass ich keine neue Arbeitsstelle finden würde.
Und ich habe mich beworben. Immer wieder. Nicht nur einmal oder zweimal, sondern über Jahre hinweg. Ich habe mich mit Stellenangeboten beschäftigt, Bewerbungen geschrieben und versucht, einen Arbeitgeber zu finden, bei dem ich meine Fähigkeiten einbringen kann.
Aber es hat nicht funktioniert. Sechs Jahre lang. Irgendwann stellt man sich natürlich die Frage, woran es liegt. Sind die Bewerbungsunterlagen nicht gut genug? Fehlt mir die Berufserfahrung? Bin ich schon zu alt? Habe ich mich auf die falschen Stellen beworben? Oder liegt es vielleicht doch an meiner Behinderung?
Meine Behinderung kann ich nicht verstecken
Meine Behinderung ist offensichtlich. Ich kann sie nicht einfach verschweigen oder verstecken. Ich habe eine rechtsbetonte Spastik und kann nicht aktiv sprechen. Zur Kommunikation nutze ich unter anderem eine Sprach-App.
Das gehört zu mir. Eigentlich sollte das auch überhaupt kein Problem sein. Denn meine Behinderung sagt zunächst einmal nichts darüber aus, was ich kann, welche Erfahrungen ich habe oder wie gut ich eine bestimmte Tätigkeit ausüben kann.
Trotzdem habe ich bei meiner Jobsuche immer wieder erlebt, dass Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt vor ganz anderen Hürden stehen. Bei einer sichtbaren Behinderung wird eben nicht zuerst gefragt: „Was kann dieser Mensch eigentlich?”
Oft wird zuerst gesehen, was angeblich nicht geht. Und genau da liegt meiner Meinung nach ein großes Problem.
Irgendwann war ich aus der Arbeitslosenstatistik verschwunden
Nach sechs Jahren erfolgloser Jobsuche wurde ich vor zwei Jahren vom Jobcenter als erwerbsgemindert eingestuft. Seitdem bekomme ich Grundsicherung bei Erwerbsminderung. Das habe ich hier im Blog bereits mehrfach erwähnt.
Natürlich kann man sagen: Damit ist das Problem doch gelöst. Ich bekomme schließlich Unterstützung und muss nicht mehr jeden Monat aufs Neue versuchen, eine Stelle zu finden. Aber so einfach ist es nicht. Denn eine solche Einstufung bedeutet nicht automatisch, dass ein Mensch nicht arbeiten möchte oder nichts mehr zu bieten hat.
Bei mir kommt noch ein ziemlich bitterer Gedanke hinzu: Das Jobcenter wollte mich damit aus der Arbeitslosenstatistik herausbekommen. Auf dem Papier bin ich dann vielleicht nicht mehr arbeitslos. An der persönlichen Situation ändert das allerdings nichts. Und genau deshalb finde ich es wichtig, darüber zu sprechen.
Die Ausgleichsabgabe ist doch ein Witz
In Deutschland gibt es Regelungen, die Unternehmen dazu verpflichten, Menschen mit Behinderung zu beschäftigen. Unternehmen, die nicht genügend schwerbehinderte Menschen beschäftigen, müssen eine Ausgleichsabgabe zahlen. Aber ganz ehrlich: Diese „Gebühr” ist für mich ein Witz.
Wenn es für Unternehmen einfacher ist, die Abgabe zu bezahlen, statt sich mit der Beschäftigung von Menschen mit Behinderung auseinanderzusetzen, dann läuft grundsätzlich etwas falsch.
Menschen mit Behinderung dürfen nicht zu einer Kostenposition werden. Und sie dürfen schon gar nicht als „Problem” betrachtet werden, das man sich lieber nicht ins Unternehmen holt.
Natürlich bedeutet Inklusion manchmal, dass ein Arbeitsplatz angepasst werden muss. Vielleicht sind technische Hilfsmittel, eine andere Organisation oder etwas mehr Unterstützung nötig.
Aber Menschen mit Behinderung sind nicht automatisch kompliziert. Und trotzdem scheint dieses Vorurteil in vielen Unternehmen noch immer vorhanden zu sein.
Menschen mit Behinderung sind vielen Firmen offenbar einfach zu anstrengend. Das ist hart formuliert. Aber nach meinen Erfahrungen kann ich es leider nicht anders sagen.
Was sechs Jahre Jobsuche mit einem Menschen machen
Sechs Jahre sind eine verdammt lange Zeit. Wenn man sich immer wieder bewirbt, aber keinen Job bekommt, nagt das irgendwann am Selbstbewusstsein. Man fragt sich zwangsläufig, ob man selbst das Problem ist. Dabei kann man sich noch so sehr bemühen. Irgendwann kommt der Punkt, an dem man erkennt, dass es vielleicht gar nicht an der fehlenden Motivation liegt.
Vielleicht liegt es an einem Arbeitsmarkt, der Menschen wie mich gar nicht haben möchte. Und genau das finde ich so frustrierend. Denn ich habe mich nicht einfach hingesetzt und beschlossen, nicht zu arbeiten. Ich wollte arbeiten.
Ich hätte gerne meine Fähigkeiten eingebracht, Kolleg:innen gehabt, Aufgaben übernommen und meinen Teil zum Arbeitsleben beigetragen. Es hat sich nur keine passende Tür geöffnet.
Erwerbsminderung bedeutet nicht Stillstand
Und nun folgt der Teil, der mir besonders wichtig ist. Denn auch wenn ich heute Grundsicherung bei Erwerbsminderung bekomme, bedeutet das keineswegs, dass mein Leben stillsteht. Ganz im Gegenteil.
Ich engagiere mich heute sogar noch stärker ehrenamtlich für die Themen, die mir wichtig sind und mich erfüllen. Vielfalt, Inklusion und Teilhabe. Ich engagiere mich politisch und setze mich dort für diese Themen ein.
Ich bin im Landesvielfaltsrat und im Parteirat der Grünen Schleswig-Holstein aktiv, engagiere mich in der LAG Inklusion und bringe mich auch vor Ort ein. Und natürlich gibt es da noch meinen Blog.
„Lorenzos Welt” ist für mich viel mehr als eine Ansammlung von Texten über Technik, Musik, Sport, Politik oder Dinge, die mich gerade beschäftigen.
Mein Blog ist auch ein Sprachrohr. Hier kann ich über Inklusion und Behinderung schreiben. Hier kann ich meine Erfahrungen teilen.
Hier kann ich auf Probleme aufmerksam machen, die Menschen ohne Behinderung vielleicht gar nicht sehen. Und hier kann ich meine Meinung sagen.
Ich bin mehr als meine Erwerbsminderung
Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis aus meiner Geschichte. Eine Erwerbsminderung definiert einen Menschen nicht. Auch Grundsicherung definiert keinen Menschen. Und auch Arbeitslosigkeit definiert keinen Menschen.
Ich bin nicht „der Behinderte“, der keinen Job bekommen hat. Ich bin Lorenz beziehungsweise Lorenzo. Ich bin gelernter Bürokaufmann. Ich bin Blogger. Ich bin politisch aktiv. Ich engagiere mich ehrenamtlich. Ich bin Mitglied und Funktionsträger bei den Grünen. Ich beschäftige mich mit den Themen Inklusion, Vielfalt und Teilhabe.
Ich schreibe, diskutiere, mische mich ein und versuche, Dinge zu verändern. Natürlich hätte ich gerne einen Job gehabt. Daran hat sich nichts geändert. Aber ich lasse mein Leben nicht davon bestimmen, dass mir der Arbeitsmarkt diese Möglichkeit seit Jahren verweigert.
Vielleicht sollten wir unsere Vorstellung von „Arbeit“ überdenken
Wenn über Menschen gesprochen wird, die nicht auf dem ersten Arbeitsmarkt tätig sind, geht es sehr schnell um Defizite. Was jemand nicht kann. Warum jemand nicht arbeitet. Was diese Person die Gesellschaft kostet. Seltener wird gefragt: Was tut dieser Mensch eigentlich alles?
Was bringt er in die Gesellschaft ein? Wo engagiert er sich? Wem hilft er? Welche Erfahrungen und Perspektiven bringt er mit? Genau darüber sollten wir meiner Meinung nach viel mehr sprechen. Denn gesellschaftliche Teilhabe findet nicht nur am Schreibtisch eines Unternehmens statt.
Sie findet auch im Ehrenamt statt. In politischen Gremien. In Vereinen. In Initiativen. In der Nachbarschaft. Und ja, auch in einem Blog.
Kein Happy End – aber auch kein Stillstand
Meine Geschichte hat also kein klassisches Happy End. Nach sechs Jahren Jobsuche habe ich keinen neuen Arbeitsplatz gefunden. Heute bin ich erwerbsgemindert und beziehe Grundsicherung. Das ist meine Realität. Aber genauso ist es meine Realität, dass ich mich engagiere. Dass ich politisch aktiv bin. Dass ich mich für Inklusion, Vielfalt und Teilhabe einsetze. Dass ich immer wieder meine Stimme erhebe, auch wenn ich sie im klassischen Sinne nicht selbst benutzen kann.
Vielleicht ist das sogar eine gute Antwort auf die Frage, was Menschen mit Behinderung leisten können. Wir sind nicht weniger wert, nur weil wir nicht in die üblichen Vorstellungen vom Arbeitsleben passen. Wir sind nicht weniger engagiert. Wir sind nicht weniger interessiert. Und wir sind schon gar nicht weniger Teil dieser Gesellschaft.
Sechs Jahre Jobsuche haben mir keinen Arbeitsplatz beschert. Aber sie haben mich nicht zum Stillstand gebracht. Vielleicht ist genau das die Botschaft, die ich aus meiner Geschichte mitnehmen möchte: Teilhabe darf nicht davon abhängen, ob ein Unternehmen uns einen Arbeitsvertrag gibt.
Lorenzo
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Lieber Lorenzo,
ich glaube dir sofort, dass das super frustrierend ist. Auch diese Kosmetik an der Statistik und das Freikaufen der Betriebe von der Pflicht, Menschen mit Behinderung einzustellen. Und auf der anderen Seite dann über Fachkräftemangel jammern, das passt nicht zusammen.
Es ist total beeindruckend, was du aus deiner Situation machst und wie du dich ehrenamtlich engagierst. Und gleichzeitig sollte es gar nicht erst so sein, dass ein offensichtlich qualifizierter Mensch keine Arbeit findet.
Wir könnten es alle miteinander so viel schöner haben.
Liebe Grüße und danke für den Einblick
Angela
Liebe Angela,
vielen Dank für deinen ausführlichen und wertschätzenden Kommentar. ❤️
Genau dieser Widerspruch beim Thema Fachkräftemangel beschäftigt mich auch. Einerseits wird ständig darüber gesprochen, dass Arbeitskräfte fehlen, andererseits bekommen Menschen mit Behinderung trotz Qualifikation und Motivation oft keine echte Chance.
Natürlich ist es schön, dass ich mich heute so vielfältig engagieren kann. Das erfüllt mich auch wirklich. Aber es sollte eigentlich kein Ersatz dafür sein müssen, am Arbeitsleben teilzuhaben.
Ich glaube, dass wir es alle miteinander viel schöner haben könnten, wenn wir endlich stärker auf das schauen würden, was Menschen können, statt auf das, was sie vermeintlich nicht können.
Liebe Grüße
Lorenzo
Salue mein lieber Lorenzo,
die Gedanken zum Schluss Deines Blockbeitrages sind ehrlich, absolut richtig und geben mir, als Freund, viel Mut und Freude. Gruß Folkward 🌷🌷
Lieber Folkward,
vielen Dank für deine lieben Worte. 🌷 Es freut mich sehr, dass dir gerade die Gedanken am Ende meines Beitrags Mut und Freude machen. Das bedeutet mir besonders viel, weil du mich als Freund schon lange begleitest.
Natürlich hätte ich mir manches in meinem Leben anders gewünscht. Aber ich möchte mich nicht darauf reduzieren lassen, was nicht funktioniert hat. Es gibt so vieles, für das es sich lohnt, sich einzusetzen, und das mir Freude bereitet.
Wenn ich damit vielleicht auch anderen Menschen ein bisschen Mut machen kann, ist das umso schöner. ❤️
Liebe Grüße
Lorenzo
Hi Lorenzo!
Da ich ebenfalls ein Mensch mit Behinderung bin und das geschilderte gut nachempfinden kann, stimmt es mich immer wieder traurig. Ich lasse dir mal einen Auszug aus meinem heutigen Posting von Instagram hier. Das sagt einiges aus. Liebe Grüße, Frank
Minderheiten: Diese Erkenntnis kam mir nach einem vergangenen Ereignis. Mein damaliger Sportsfreund wurde nach einem Motorradunfall querschnittgelähmt. Ich selbst glaubte damals noch, gesund zu sein, und dachte, ich könnte eine Freundschaft auf Augenhöhe führen. Was wir auch geschafft haben, auch nach meiner Diagnose MS. Heute fällt mir auf, dass Menschen mit Behinderungen die wohl größte Minderheit in unserer Gesellschaft bilden. Gesunde Menschen vergessen oft, dass jeder ohne Antrag, Kostenzusage oder andere Überlegungen Teil dieser Minderheit werden könnte. Denk einmal darüber nach!
Hi Frank,
vielen Dank, dass du diesen Auszug teilst. Ich finde deinen Gedanken, dass Behinderung jeden Menschen treffen kann, besonders wichtig. Leider denken viele Menschen noch immer, Behinderung betreffe ausschließlich „die anderen“. Dabei kann sich das eigene Leben durch einen Unfall oder eine Erkrankung von einem Tag auf den anderen verändern.
Und ich finde auch deinen Gedanken von der Freundschaft auf Augenhöhe wichtig. Genau das sollte eigentlich selbstverständlich sein. Menschen mit Behinderung sind nicht weniger wert und dürfen nicht auf ihre Behinderung reduziert werden. Wir sind Menschen mit unseren Stärken, Schwächen, Interessen und Träumen – genauso wie alle anderen.
Vielleicht ist genau dieses Bewusstsein ein wichtiger Schritt hin zu mehr Inklusion. Es geht nicht nur darum, darüber zu reden, sondern Menschen mit Behinderung wirklich als gleichberechtigte Teile unserer Gesellschaft wahrzunehmen und ihnen auch entsprechende Teilhabe zu ermöglichen.
Danke dir für diesen Denkanstoß! ❤️
Liebe Grüße
Lorenzo