Das zweite Interview mit Raul Krauthausen

Raul Krauthausen
Raul Krauthausen (© Anna Spindelndreier, 2020)

Heute möchte ich dir mal über das zweite Interview mit Raul Krauthausen berichten. Das erste Interview habe ich im Januar 2021 geführt. Dort kannst du auch nachlesen, wer Raul genau ist.

Ich hatte nun wieder Lust, mit Raul erneut über Inklusion, Behindertenrechte, Barrierefreiheit und die Dinge der Welt zu reden. Seit Januar 2021 haben ja einige Dinge sich verändert. Manchmal negativ, aber manchmal positiv. Über die Entwicklung habe ich mit ihm vor allem gesprochen. Natürlich speziell die Themen für uns Behinderte.

Raul und sein Engagement bewundere ich immer noch wirklich sehr. Seine Leistung für uns ist unbezahlbar und so wichtig. Ein großes Kompliment und Dankeschön an dieser Stelle, auch für das Interview! 😊

Und hier ist das zweite Interview:

Ich: Wie siehst du die Entwicklung in der Welt seit unserem ersten Interview im Januar 2021? Besonders bei den Behindertenthemen. Ich sehe sie eher negativ. Außer, dass das Bundesverfassungsgericht jetzt eine Triage-Regelung verlangt, ist nicht viel passiert. Im Gegenteil – Es herrscht eher Stillstand, vor allem in der Inklusion. Habe ich Recht oder was denkst du? Auf jeden Fall gibt es kaum Bewegung.

Raul: Ich sehe das ganz ähnlich. Wenn überhaupt haben uns die letzten 1 ½ Jahre gezeigt, wo überall behinderte Menschen benachteiligt oder ganz einfach vergessen werden. Nicht nur in der Pandemie, sondern auch in Bezug auf all die anderen Brandherde:

  • Geflüchtete aus der Ukraine finden hier kaum geeignete Gesundheitsversorgung oder Unterkünfte, weil wir in Deutschland behinderte Menschen und ihre Bedürfnisse überhaupt nicht auf dem Schirm haben.
  • Im Rahmen der Flutkatastrophe im Ahrtal, sind trotz Warnung 12 behinderte Bewohner*innen eines Heims nicht evakuiert worden und ertrunken. Auch die Morde im Oberlinhaus letzten April waren beispielhaft: Vier behinderte Menschen sind ermordet worden und sowohl die Aufarbeitung des Verbrechens, als auch die Berichterstattung darüber waren an Ableismus kaum zu überbieten.
  • Das Narrativ gestalten eben immer Menschen ohne Behinderung und die Perspektive der Betroffenen fehlt komplett. Vor allem das muss sich ändern!

Ich: Behindertenwerkstätten gibt es immer noch so in der Form und die Gehälter sind nach vor wie ein aberwitziges Taschengeld, obwohl es inzwischen viele dagegen kämpfen und Petitionen gestartet haben bzw. starten. Was glaubst du? Hat sowas Erfolg? Kommt da Bewegung rein?

Raul: Kein System ändert sich über Nacht. Die Struktur in den Werkstätten ist gar nicht darauf ausgelegt, behinderte Menschen in den ersten Arbeitsmarkt zu überführen, obwohl sie das behaupten. Es gibt kein Personal, das dazu ausgebildet ist. Es gibt keine Arbeitswege, die darauf abzielen. Das ist skandalös, aber es ist eben der Status Quo. Von hier aus gibt es viel zu tun. Aber immer mehr Firmen verstehen, dass sie ein System der Ausbeutung unterstützen, wenn sie ihre Produkte in diesen Werkstätten produzieren lassen. Ich glaube, dass nicht nur Petitionen etwas ändern, sondern vor allem auch der Druck der Kund*innen, die ihre Aufträge zurückziehen.

Ich: Und wie sieht es mit der Triage-Regelung aus? Gibt es schon etwas Neues? Wohl nicht oder? Der Krieg in der Ukraine und die Folgen stehen ja gerade über allem.

Raul: Es wurde im März ein Gesetzesentwurf für die Triage-Regelung vorgelegt und dieser ist eine Katastrophe. Es wurden auch hier bei der Erstellung des Textes keine behinderten Menschen beteiligt und dementsprechend wird darin kaum sichergestellt, dass Menschen mit Behinderung keine Benachteiligung erfahren. Der Gesetzesvorschlag sieht zwar Mehraugenprinzip, Facharzterfordernis und Dokumentationspflicht vor, aber es soll weder eine Meldepflicht geben, wenn eine Triage durchgeführt wurde, noch folgen irgendwelche juristischen Konsequenzen bei Verstoß gegen das Gesetz. Außerdem gilt das Gesetz nur für eine Triage-Situation im Rahmen einer Pandemie. Doch dies ist ja nur ein Szenario von vielen, in der eine Triage zustande kommen könnte. Es sieht so aus, als habe der Gesetzestext noch immer ziemlich viel Spielraum für Diskriminierung gegenüber behinderten Menschen gelassen, was uns in diesem Fall das Leben kosten könnte.

Ich: Apropos Ukraine-Krieg. Ich finde es absolut schrecklich, was im Moment in der Welt so passiert. Und du? Was denkst du darüber? Wenn ich vor allem an die Folgen des Krieges denke, sehe ich nichts Gutes. Du auch nicht? Viele anderen Themen werden sicher hintangestellt. Zum Beispiel unsere Rechte. Natürlich ist der Krieg in der Ukraine absolut das Wichtigste. Ich hoffe auch, dass er bald aufhört und wir wieder Frieden haben, aber die Folgen sind kaum übersehbar. Sie machen mir Sorgen. Wie siehst du es?

Raul: Natürlich bin auch ich besorgt im Hinblick auf die jüngsten weltpolitischen Entwicklungen. Aber auch hier sehen wir, wie alle Themen zusammenhängen. Wir haben es nicht geschafft, unsere Nutzung von fossilen Energien auf erneuerbare zu verlagern. Die Abhängigkeit von Russland finanziert seinen Krieg mit. Der Krieg trifft besonders die Schwachen der Gesellschaft hart, insbesondere Menschen mit Mobilitätseinschränkung, die nicht oder nur schwer fliehen können. Wir merken in Deutschland, dass wir für die behinderten Menschen, denen die Flucht gelingt, kaum ausgerüstet sind. Weil wir selbst viel zu lange die Themen Barrierefreiheit, Pflegenotstand und gesundheitliche Versorgung ignoriert haben. Ich bin besorgt, ja. Aber ich glaube auch stark an die Ressourcen, die in wirklicher Not mobilisiert werden können, denn Not erzeugt Druck und macht erfinderisch. Daher hoffe ich nun auf schnelle, pragmatische Ideen, die Anstöße für gute langfristige Lösungen geben können.

Ich: Wie geht es mit der Inklusion und unseren Rechten weiter, wenn die Bundesregierung mit den Kriegsfolgen beschäftigt ist? Wir müssen uns eben weiter bemerkbar machen oder?

Raul: Wir dürfen gerade jetzt nicht den Kopf in den Sand stecken. Denn in Krisenzeiten werden wir als erste vergessen. Das können wir nicht so hinnehmen. Wir müssen immer wieder darauf bestehen und dafür kämpfen, selbst Teil der Entscheidungsträger*innen zu werden, mit an den Tischen zu sitzen und Lösungen zu erarbeiten. Wir können nicht darauf vertrauen, dass nicht-behinderte Menschen unsere Anliegen kennen und mitberücksichtigen, wir müssen selber ran und dafür sorgen, dass man nicht an uns vorbeikommt.

Ich: Was müsste sich in der Inklusion und bei unseren Rechten noch ändern, sodass du von Erfolg sprichst? Ich zum Beispiel bin jetzt fast 4 Jahre arbeitslos und ohne Aussicht auf einen Job. Das wird sich wahrscheinlich auch nicht ändern. Natürlich gucke ich mich um und bewerbe mich, aber ich werde im April 46. Und mit diesem Alter werde ich erst recht nicht mehr mit offenen Armen empfangen. Ich habe zwar Fachabitur und bin ein voll ausgebildeter Bürokaufmann, aber meine Behinderung und mein Alter sind nicht gerade chancenförderlich. Warum ist nach der Schule oder Ausbildung oft Schluss für Behinderte? Das will mir nicht in meinem Kopf rein. Wieso fördert der Staat uns bis dahin dann so verhältnismäßig gut, wenn viele von uns danach sowieso keinen Job finden oder in den Behindertenwerkstätten stecken bleiben? Da läuft doch was schief oder nicht? Klar müssen wir Behinderte uns auch mal selbstständiger um uns kümmern, aber wenn viele Firmen sich für kleines Geld freikaufen können, um uns nicht einstellen zu müssen oder sich ausreden, dass es gerade nicht passt, muss der Staat uns doch helfen. Das schöne Teilhabechancengesetz ist aber hier ein Witz. So ein Gesetz können nur Nichtbehinderte machen! Es gibt zwar einige Förderungen für die Unternehmen, aber sie reichen längst nicht aus. Ich finde, dass der Staat noch mehr machen müsste. Und wie findest du es? Stimmst du mir zu?

Raul: Ich bin vorsichtig, von Erfolg zu sprechen, denn das suggeriert, dass wir dann ein für allemal mit dem Thema Inklusion fertig sind. Und das ist ein Trugschluss. Denn selbst heutzutage, da Frauen dieselben Rechte wie Männer haben, gibt es noch immer viele Bereiche, in denen Frauen diskriminiert und benachteiligt werden. Selbst da ist der Kampf noch lange nicht vorbei. Und bei uns erst recht nicht. Es stehen viele Punkte auf der To-Do-Liste:

  • Barrierefreiheit in Wohnraum, ÖPNV, Gesundheitswesen, Arbeits- und Ausbildungsbereichen.
  • Abschaffung der Parallelwelten Förderschule, Werkstätten und Behindertenheime.
  • Und ja, auch gleiche Chancen auf Bildung und Arbeit. Dazu gehört auch die Verpflichtung der Privatwirtschaft, Menschen mit Behinderung einzustellen und evtl. auch einen Verstoß schwerer zu ahnden.
  • Und wie gesagt, dass wir Teil der Gremien werden, die die Entscheidungen treffen.

Das allein sind nur die groben Eckpunkte. Vorher würde ich nicht von Erfolg sprechen. 

Ich: Gerade in der Corona-Zeit wird es deutlich, wie viele von uns Behinderte einsam und sich nach Liebe, Zärtlichkeit, körperlicher Nähe und Sex sehnen. Zum Beispiel ich. Da frage ich mich, warum es hier in Deutschland keine finanzielle Unterstützung für Sexualbegeleitung und Sexualassistenz gibt. Im Ausland ist man schon weiter, vor allem in den Niederlanden. Aber es ist wieder typisch deutsch. Bloß nicht Prostitution fördern, aber wenn es für viele von uns nicht anders geht, müssen sie darauf zurückgreifen. Und Sexualbegeleitung bzw. Sexualassistenz ist doch etwas völlig anderes oder? Habe ich da Recht? Außerdem ist Prostitution auch nichts schlimm, wenn sie freiwillig geschieht. Wie siehst du es? Für viele ist sie der einzige Weg, um ihre Sexualität auszuleben. Das Recht haben wir doch. Aber wir müssen wohl noch stärker für das Recht weiterkämpfen oder? Hast du eine Idee, wie wir noch stärker kämpfen können? Wie du mir im ersten Interview geantwortet hast, gibt es schon einige Blogger*innen und Aktivist*innen wie wir beiden, die sich dafür stark machen. Aber es reicht offenbar noch nicht aus.

Raul: Ich finde das Thema sehr komplex und kann nicht mit einfachen Lösungen und Worten beschrieben werden. Denn letztendlich sehnen wir uns ja alle auch nach Nähe und Liebe. Warum haben Menschen ohne Behinderung Vorurteile? Wie kann man die beseitigen? Bezahlte Sexarbeit sind nur ein Teilaspekt in der ganzen Thematik. Da sollten wir auch unbedingt Frauen mit Behinderung in die Debatte mit einbeziehen.

Lorenzo

PS: #standwithukraine

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